Wo Leitplanken und Baumschutzgitter tanzen …

19.12.2021 – 12.6.2022 | Arp Museum Bahnhof Rolandseck

Bettina Pousttchi, Vertical Highways, Installationsansicht Arp Museum Bahnhof Rolandseck, 2021, Courtesy Buchmann Galerie Berlin, Foto Helmut Reinelt

Sie beugen und neigen sich, finden in Paaren oder Gruppen zusammen und scheinen das Gespräch oder die Nähe zu suchen. Die schlanken, anthrazitfarbenen Straßenpfosten aus Bettina Pousttchis Objektreihe „Squeezer“ interessiert es herzlich wenig, dass ihre eigentliche Funktion darin besteht, Wege zu markieren oder Plätze zu schützen. Sie haben Besseres zu tun, wirken beweglich, ja nahezu menschlich und zelebrieren Begegnung: Eine Art soziales Miteinander, für das sie im öffentlichen Raum sonst nur stille Zeugen sind.

Auch am Skulpturenufer in Remagen hat sich eine Ansammlung von „Squeezers“ eingefunden. Sie markiert den Abschluss eines Projekts, das vor zwanzig Jahren ins Leben gerufen wurde und nun insgesamt 15 Positionen aus dem Bereich zeitgenössischer Bildhauerei entlang des Rheins vereint.

Anlass ist Bettina Pousttchis Ausstellung „Fluidity“ im Arp Museum Bahnhof Rolandseck, die im Dezember 2021 eröffnet wurde und bis zum Juni 2022 läuft. Darin erweckt die 1971 in Mainz geborene Künstlerin allerlei Absperrvorrichtungen und Wegweiser zum Leben und lässt sie durch den luftigen Neubau von Richard Meier tanzen.

Mit insgesamt 35 Arbeiten aus verschiedenen Werkgruppen verändert die deutsch-iranische Bildhauerin den Blick auf Alltagselemente, die in ihrer spröden Daseinsform im ländlichen oder urbanen Raum oft unschön und starr wirken. Wie beispielsweise die Leitplanken, die Pousttchi in der Reihe „Vertical Highways“ aus ihrer unverzichtbaren Hässlichkeit befreit und in grazile, aufrechtstehende und äußerst agile Gebilde verwandelt.

Dafür deformiert sie industriegefertigte Teile und fasst sie dann farbig neu, so dass die Leitplanken im Arp Museum in Rot, Weiß und Grau in Erscheinung treten. Grün ist dagegen der Reigen der sogenannten „Tree Squeezers“, die als Dreiergruppen in unterschiedlichen Farbtönen ihre Herkunft als Baumschutzbügel vergessen lassen und in einer fast schon organischen Ausformung selbst etwas Natürliches bekommen.

Anders als die dynamischen Richtungspfeile aus der neuen Serie „Directions“, die als Wandarbeiten intendiert für Verwirrung sorgen und – mit Referenz auf Hans Arps Reliefs – von der Künstlerin eigens für die Ausstellung entwickelt wurden.
Ein Werk des berühmten Bildhauers, dem das Museum in Remagen gewidmet ist, taucht auch in der Fotosequenz ihrer Installation „Drive Thru Museum“ im „Nasher Sculpture Center“ in Dallas aus dem Jahr 2014 auf, die Pousttchi mit hochkarätigen, dreidimensionalen Stücken der dortigen Sammlung versah.

Immer wieder nimmt die renommierte Künstlerin, die an der Kunstakademie Düsseldorf bei Rosemarie Trockel und Gerhard Merz studierte, auf Form und Inhalt ihrer Ausstellungsorte Bezug. So auch in den „Frameworks“ aus Keramik, in denen sie auf hoch interessante Weise lokalspezifische und orientalische Muster mischt und – wie in all ihren Werken – Achtsamkeit für scheinbar Gewohntes hervorruft.

 

 

 

Bettina Pousttchi. Fluidity
19.12.2021 – 12.6.2022
Arp Museum Bahnhof Rolandseck
Hans-Arp-Allee 1
D-53424 Remagen
Tel.: +49-2228-942516
Di – So 11 – 18 Uhr
Eintritt: 11 €, erm. 9 €
www.arpmuseum.org

Text: Dr. Julia Behrens
Bild: Arp Museum Bahnhof Rolandseck
Erstveröffentlichung in kunst:art 83