Gehäkelte Unterwasser-Traumwelten

29.01.2022 - 26.6.2022 | Museum Frieder Burda

Gehäkelte kleine Objekte sind nicht das, was man normalerweise von zeitgenössischer Kunst erwartet. Und doch sind die Arbeiten, genauer: die gehäkelten Arbeiten der Zwillingsschwestern Margaret und Christine Wertheim (* 1958) in mehrerlei Hinsicht äußerst modern.

Margaret und Christine Wertheim wurden in Brisbane (Australien) geboren, leben aber inzwischen in den USA. Margaret Wertheim ist Wissenschaftsjournalistin und widmet sich der Kulturgeschichte der Physik, Christine Wertheim unterrichtet seit vielen Jahren „Art Theory“ am „Goldsmiths College“ in London und am „California Institute of the Arts“ in Los Angeles.

Gemeinsam gründeten die Schwestern 2005 das „Institute For Figuring“, das sich zur Aufgabe gemacht hat, die poetische und ästhetische Dimension von Mathematik, Physik und Ingenieurswissenschaften normalen, also nicht diesbezüglich vorgebildeten Menschen nahezubringen. Im Prinzip eine Symbiose der Beschäftigungen der Zwillingsschwestern.

Dieses Institut ist die Keimzelle der gehäkelten Korallenriffs, wovon deren neuestes nun in Baden Baden im „Museum Frieder Burda“ zu sehen ist. Margaret und Christine Wertheim und viele Tausend freiwilliger Helfer häkeln die in der Natur so empfindlichen Korallen, die dann schlussendlich von den beiden zu einem Riff zusammengesetzt werden.

Damit stehen bei dem Kunstwerk mehrere Aspekte im Vordergrund: Da wäre erst einmal der ökologische Anspruch, da auf die Vernichtung der Korallenriffs in der Natur aufmerksam gemacht wird. Zudem ist es das gemeinschaftliche Erlebnis, das den Künstlerinnen wichtig ist. Und das nicht nur deshalb, weil networking und Schwarmintelligenz modern ist, sondern auch weil es in der Natur genauso ist. Die einzelnen Polypen bringen gemeinschaftlich die bekannten Formen aus Korallenriffs hervor. Wichtig ist den Künstlerinnen auch, dass es hauptsächlich Frauen sind, die sich an den Projekten beteiligen. Also jene, die im Kulturbetrieb gerne vergessen werden, insbesondere wenn sie mit Textilien arbeiten.

Die Künstlerinnen, die 2019 ein „Häkelkorallenriff“ auf der Biennale in Venedig ausgestellt haben, konnten gut 4.000 Menschen dazu bewegen, sich an dem Kunstwerk aus der Ferne zu beteiligen und zusammen über 40.000 Einzelteile zu dem „Baden Baden Satellite Reef“ beizutragen.

Der Schlusssatz des Textes über die Ausstellung ist so schön und passend, dass er unbedingt zitiert werden muss: „Kooperativ, figurativ, materiell, konzeptuell, künstlerisch, wissenschaftlich, feministisch und spielerisch, bringt uns das Crochet Coral Reef die Realität zu Bewusstsein, dass das Leben auf Erden nichts ist, wenn es nicht ineinandergreift.“

 

 

 

 

Margaret und Christine Wertheim. Wert und Wandel der Korallen
29.01.2022 bis zum 26.6.2022
Museum Frieder Burda
Lichtentaler Allee 8B
D-76530 Baden-Baden
Tel.: +49-7221-398980
Di – So 10 – 18 Uhr
Eintritt: 14 €, erm. 11 €
www.museum-frieder-burda.de

Text: Mathias Fritzsche
Bild: Museum Frieder Burda
Erstveröffentlichung in kunst:art 84

Über Mathias Fritzsche 92 Artikel
Ein Thema jagt das nächste: Der Wochengipfel hält ein oder zwei Themen fest und bringt sie in Erinnerung. Was war vergangene Woche so wichtig, dass man Schnappatmung bekam und ist diese Woche dennoch schon vergessen? Oder über welche Nachricht hat man sich so gefreut, dass man auf den Balkon ging und die Nachricht für die ganze Welt in den Abendhimmel geschrien hat?