Zufluchtsort Köln

9.3. – 12.6.2022 | Museum Schnütgen

Harald Naegeli vor Parole neben eigener Sprayfigur, Köln, Enggasse, um 1983, Foto Guenay Ulutuncok

Heutzutage ist Harald Naegeli ein beachteter Künstler, den seine Heimatstadt Zürich verehrt und mit gewissem Stolz als einen bedeutenden Sohn der Stadt bezeichnet, der daher gern auch statt mit seinem Namen als „Sprayer von Zürich“ bezeichnet wird.
Vor 40/vierzig und mehr Jahren sah dies noch anders aus. Da wurde Naegeli wegen seiner an vielen Gebäuden des Nachts angebrachten gesprayten Strichfiguren als Schmierfink bezeichnet und mehr noch: Er wurde in Zürich 1979 sozusagen auf frischer Tat ertappt und verhaftet, konnte aber nach Deutschland entwischen und fand in der Kölner Wohnung einer Journalistin Unterschlupf. Von dort aus setzte er seine nächtlichen Streifzüge natürlich fort und besprühte ausgewählte Fassaden mit ähnlichen figurativen Motiven wie zuvor in der Schweiz.

Dann fand er in Köln ein neues Thema und sprayte von Ende 1979 bis 1981 zahllose Skelette und Totenschädel auf Beinen, die jedoch bereits 1982 größtenteils vernichtet waren und heute vor allem in historischen Fotografien dokumentiert sind. Eines der bekanntesten Werke aus dieser Zeit ist das Naegeli-Männchen am Torbogen Kölner Schnütgen-Museum, ein Skelett mit ausgebreiteten Armen. Dieses Objekt wurde ausnahmsweise schon damals sogar konserviert, was wiederum bedeutete, dass das, was in Zürich als Sachbeschädigung bezeichnet und verfolgt wurde, in Köln hingegen zur Kunst erklärt wurde. Wäre in Köln also jemand auf die Idee gekommen, sich am Naegeli-Männchen des Schnütgen-Museums zu vergreifen, wäre dies auch ein Akt der der Sachbeschädigung gewesen.

1981 wurde Naegeli dann wegen Sachbeschädigung zu neun Monaten Haft verurteilt und mit internationalem Haftbefehl gesucht, da er sich auch diesmal wieder nach Deutschland abgesetzt hatte. In Puttgarden schließlich wurde Naegeli beim Versuch, nach Dänemark auszureisen, verhaftet und in Lübeck inhaftiert, von wo aus er in die Schweiz ausgeliefert wurde, wo er 1984 eine sechsmonatige Haftstrafe verbüßte. Damit war seine Odyssee zunächst beendet. Jetzt ist es aus gutem Grunde in voller historischer Übereinstimmung, wenn das Schnütgen-Museum in Köln dem Schweizer Künstler Harald Naegeli eine Ausstellung über dessen Wirken in der Domstadt widmet. Köln war vor vierzig Jahren für Harald Naegeli Zufluchtsort und neue künstlerische Heimat zugleich.

Durch die vom Kölnischen Kunstverein unter der Leitung von Wulf Herzogenrath 1982 veranstaltete Graffiti-Ausstellung „Eine andere Malerei“, unter anderem mit einer Fotodokumentation der Skelette vom „Zürcher Sprayer“, erhielten diese als Gesamtheit legendäre Berühmtheit als „Kölner Totentanz“. Einige dieser heute weitgehend verlorenen Figuren werden in der Ausstellung des Schnütgen-Museums nun dokumentiert.

Unzweifelhaft bekannt ist Naegeli als einer der ersten Graffiti-Künstler Europas, eines Genres also, um dessen Anerkennung noch diskutiert wurde. Weniger bekannt sind Naegelis Zeichnungen auf Papier. Die Ausstellung präsentiert nun eine Auswahl, von kleinformatigen Arbeiten mit figürlichen Darstellungen bis zu den großformatigen, mystischen Tuschezeichnungen der „Urwolke“ aus feinsten Federstrichen und Punkten. Denn 2018 schenkte Harald Naegeli dem Museum Schnütgen 102 Zeichnungen und ein Mappenwerk mit Radierungen. Naegelis Arbeiten treten dabei erstmals in einen unmittelbaren Dialog mit den mittelalterlichen Objekten des Museums.

Bence Fritzsche ist Chefredakteur der in Köln beheimateten Zeitschrift für Künstler „atelier“.

 

 

Harald Naegeli in Köln. Sprayer und Zeichner
9.3. – 12.6.2022
Museum Schnütgen
Cäcilienstr. 29-33
D-50667 Köln
Tel.: +49-221-22131355
Di – So 10 – 18 Uhr, Do 10 – 20 Uhr
Eintritt: 6 €, erm. 3,50 €
www.museum-schnuetgen.de

Text: Bence Fritzsche
Bild: Museum Schnütgen
Erstveröffentlichung in kunst:art 84