Winterthur und Wien

12.3. – 12.6.2022 | Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz»

Lucas Cranach d.Ä., Bildnis der Anna Cuspinian-Putsch, um 1502, © Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz» / P. Schälchli, Zürich

Grenzüberschreitende Zusammenarbeiten bieten erfreulicherweise auch in der heutigen Zeit eine fruchtbringende Erweiterung unseres Kenntnisstandes. Daran lassen die Sammlung Oskar Reinhart „Am Römerholz“ in Winterthur und das Kunsthistorische Museum in Wien das Publikum teilhaben. Bei jeweils unterschiedlichen Gewichtungen widmen sich beide Häuser mit der Ausstellung „Cranach – Die Anfänge in Wien“ explizit den selten behandelten Frühwerken Lucas Cranach des Älteren (1472–1553). Denn die Zeit, in der Cranach um 1500 nach Wien kam, um den neuen humanistisch geprägten Zeitgeist zu inhalieren, aber auch seine Interpretationen weiterzugeben, ist bislang noch unterrepräsentiert. Dies zu ändern, haben sich Winterthur und Wien zum Ziel gesetzt.

Bereits die frühen Arbeiten von Cranach sind wegweisend für seine Entwicklung wie auch für sein Umfeld. Um 1500 war Wien, wo durch den Einfluss Kaiser Maximilian I. humanistische Ideale verbreitet wurden, eine der anziehendsten Städte für Künstler, Gelehrte und Lernende, im Heiligen Römischen Reich. Bereits seit dem 14. Jahrhundert entwickelte sich im Umfeld des Hofes zunehmend eine bürgerliche Gesellschaftsschicht. Die brachte sukzessive zwei, auch kunsthistorisch zu berücksichtigende, Änderungen mit sich: In der Porträtmalerei begann die realistische Wiedergabe und verdrängte die rein stellvertretende Darstellung durch Symbole. Und zunehmend spielte die Naturnähe und die damit verbundene „Interaktion“ mit und in der Umgebung eine Rolle. Dabei blieben Bildnisse Belege über den gesellschaftlichen Stand. Dies verbindend darzustellen, bedurfte einer neuen Interpretation und diese perfektionierte Lucas Cranach. Dabei gelang es ihm, sowohl für das weltliche als auch für das geistliche Werk sein Können im Zeitgeist zu verbildlichen. Daraus folgt nun die unterschiedliche Gewichtung an den beiden Häusern. In Winterthur liegt de Fokus auf dem Porträt; in Wien liegt der Schwerpunkt auf dem religiösen Bild.

Wie inspiriert von der humanistischen Idee Cranachs Werke sind, verdeutlicht im Besonderen das „Ehediptychon des Dr. Johannes Cuspinian und der Anna Cuspinian-Putsch“ (1502/03). Fraglos werden auch Symbole prägnant platziert, doch der Hintergrund ist Teil der Interaktion und nicht nur Rahmen gebend. Weit mehr ist der Umgang mit Figur und Landschaft als neue Einbettung der Porträtierten in der freien Natur prägnant, zumal dies auch in Cranachs frühen religiösen Werken eingesetzt wurde. Um einen Eindruck übervon dieser Besonderheit dieser Gattung, des Bildpaares zu erlangen, wird in der Ausstellung, anhand einer Animation, die Möglichkeit dazu über eine wirklichkeitsnahe Präsentation der verschiedenen Diptychen geboten.

Cranachs Können umfasste auch das Anfertigen von Lithographien, Druckgrafiken und Holzschnitten. So wird neben seinem gesamten frühen druckgrafischen Werk auch ein seltenst gezeigtes Beispiel der frühen Buchdruckkunst präsentiert, das „Missale Salisburgense“ (1506) aus der Österreichischen Nationalbibliothek.

Es ist auszumachen, dass mit der Ausstellung und dem profunden Katalog der humanistischen Entwicklung in der Kunstgeschichte ein nachhaltiges Zeugnis über die frühe Schaffensperiode Lucas Cranach des Älteren gelingt.

Schon als Kind ist Greta Sonnenschein im Kunsthistorischen Museum in Wien von der Symbolik Cranachs inspiriert gewesen.

 

 

Cranach. Die Anfänge in Wien
12.3. – 12.6.2022
Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz»
Haldenstr. 95
CH-8400 Winterthur
Tel.: +41-58-4667740
Di – So 10 – 17 Uhr, Mi 10 – 20 Uhr
Eintritt: 15 CHF, erm. 12 CHF
www.roemerholz.ch

Text: Greta Sonnenschein
Bild: Sammlung Oskar Reinhart
Erstveröffentlichung in kunst:art 84