Dada ist nicht alles

16.2. – 15.5.2022 | Bröhan-Museum

Hannah Höch, Eule mit Lupe, 1945,

Emanzipation. Der Begriff ist in Zeiten des „woke“ schon fast in Vergessenheit geraten, dabei ist es noch nicht allzu lange her, dass er Gegenstand einer der großen gesellschaftlichen Debatten war. Hannah Höch hätte er gut gestanden, doch war die 1889 geborene Höch ihm im vergangenen Jahrhundert sogar noch voraus. Besonders mit ihren Collagen hat sich die Dada-Künstlerin ihren Platz in der Kunstgeschichte erarbeitet. Und eine Collage wurde zu einem der ersten Werke, für die sie um die Anerkennung als Urheberin kämpfen musste.

Die Collage zeigte eine Szene aus ihrem elterlichen Garten und stammte aus dem Jahr 1904. Raoul Hausmann, ebenfalls eine wichtige Figur des Dada und ihr damaliger Lebensgefährte, zog ihre Autorschaft in Zweifel. Zwar waren beide ein produktives Paar und haben mit der Entwicklung der Fotomontage als Technik der Collage besonders auch die Dada-Bewegung durch ihre gemeinsame Arbeit bereichert , nach sieben Jahren kam es jedoch 1922 zur Trennung der beiden. In der Arbeit Höchs, der das Bröhan-Museum jetzt eine Retrospektive widmet, meint man aber die Beschwernisse nachfühlen zu können, die ihr mangelnde Anerkennung und eine auch in der sonst so progressiven Kunstbewegung durch Mit-Dadaisten bereitet haben.

In der ernst blickenden Frau auf ihrem Selbstbildnis von 1943, das die Ausstellung eröffnet, erkennt man zumindest kein „Hannchen“, als das sie George Grosz und andere künstlerische Weggefährten im Berlin der Weimarer Republik bezeichneten. 120 Werke geben Einblick in alle Phasen von Höchs Arbeit, darunter Fotocollagen, Gemälde und Aquarelle bis zu Plakatentwürfe, denn auch in der Wahl ihrer Techniken ließ sie sich nicht festlegen, sondern blieb hier ebenso emanzipiert und frei wie in der Wahl ihrer Themen. Dass sie in der bisherigen Betrachtung besonders auf ihre Dada-Zeit beschränkt blieb, gehört dabei zu den Missverständnissen in der Rezeption ihres Werkes. Die setzte auch in dieser eingeschränkten Form erst nach dem Zweiten Weltkrieg ein.

Nachdem sie die Zeit der nationalsozialistischen Diktatur verfemt am Rande Berlins überstanden hatte, war ihre Arbeit schon 1946 wieder ausgestellt zu sehen, eine erste Retrospektive folgte 1961, später sogar Ausstellungen im Metropolitan Museum New York. Der Schau im Bröhan-Museum ist es aber zu danken, einen Eindruck von der stilistischen und thematischen Vielseitigkeit Hannah Hochs zu geben. So sind denn auch einige der Werke, die Kuratorin Ellen Maurer Zilioli auch in Privatsammlungen gefunden hat, erstmals in einer öffentlichen Ausstellung zu sehen. Es ist eben nicht alles politisch, es ist zuweilen auch poetisch, wenn eine Eule die Welt kontemplativ wörtlich unter die Lupe nimmt. Oder wenn man ihre Weggefährtin Til Brugman in einem Bildnis von 1927 mit den Augen Höchs sieht.

Abermillionen Anschauungen des Schaffens von Hannah Höch, wie sie der Titel verspricht, sind vielleicht denkbar. Aber man ist dankbar schon für diejenigen neuen Anschauungen, auf die im Bröhan-Museum der Blick geöffnet wird.

Jan Bykowski ist Journalist für Kunst und ihre Märkte in Berlin.

 

 

Hannah Höch. Abermillionen Anschauungen
16.2. – 15.5.2022
Bröhan-Museum
Schlossstr. 1a
D-14059 Berlin
Tel.: +49-30-32690600
Di – So 10 – 18 Uhr
Eintritt: 8 €, erm. 5 €
www.broehan-museum.de

Text: Jan Bykowski
Bild: Bröhan-Museum
Erstveröffentlichung in kunst:art 84