Die nahbaren Schwestern

11.3. – 22.5.2022 | Museum Giersch

Nini & Carry Hess, Helene Mayer, 1928

Die erste umfassende Ausstellung mit den Arbeiten von Nini Hess (1884–1943) und Carry Hess (1889–1957) darf man wohl dem Wissenschaftler Prof. em. Eckhardt Köhn verdanken, der während seiner Studien zur Fotografie im Umfeld der Weimarer Republik auf das Ge-schwisterpaar aufmerksam wurde und mit seinem Engagement ein bedauerlicherweise in Vergessenheit geratenes Künstlerduo aus den Tiefen der Archive emporhob, dessen retrospektive Wertschätzung nirgendwo besser denkbar wäre als in ihrer ehemaligen Heimatstadt Frankfurt. Das einstige Atelier der Hess-Schwestern in der Börsenstraße war in den 1920er-Jahren ein durchaus stark frequentierter Ort mit überregionalem Renommee. Zu den Porträtierten zählten vor allem Personen des Bildungsbürgertums, darunter viel Prominenz des Frankfurter Theatergeschehens – etwa der Komponist Paul Hindemith oder die Tänzerin Anna Pawlowa –, aber auch Künstler wie Max Beckmann und Schriftsteller wie Thomas Mann und Alfred Döblin. Den zu jener Zeit vermeintlich objektiven fotografischen Blick bereicherten die beiden Fotografinnen durch ihren emphatischen Bildstil, der das Individuelle der Personen stets fokussierte.

In der Ausstellung werden etwa 120 Originale der beiden jüdischen Schwestern, die gebürtig Stefanie Sara und Cornelia Hess hießen, gezeigt. Flankiert werden ihre Arbeiten mit vielfäl-tigem historischem Quellenmaterial wie Zeitschriften oder Postkarten – alles Belege für den damaligen Wandel des Frauenbildes, das sich zunehmend emanzipiert, modern und selbstbewusst zeigte. Eine Lebensphilosophie, wie sie von Nini und Carry selbst gelebt wurde, bis auch ihre Existenzen mit der Verfolgung durch die Nationalsozialisten einen brutalen Einschnitt erfuhren. Nini verlor ihr Leben in Auschwitz. Carry überlebte im französischen Exil, erlangte nach langem bürokratischem Kampf umfangreiche Ausgleichszahlungen und sollte dann kurzerhand versterben.

 

 

 

Die Fotografinnen Nini und Carry Hess
11.3. – 22.5.2022
Museum Giersch
Schaumainkai 83
D-60596 Frankfurt am Main
Tel.: +49-69-13821010
Di – So 10 – 18 Uhr, Do 10 – 21 Uhr
Eintritt: 7 €, erm. 5 €
www.mggu.de

Text: Paula Wunderlich
Bild: Museum Giersch
Erstveröffentlichung in kunst:art 84