Sag‘ mir, welche Farbe Du magst …

8.4. – 7.8.2022 | Bundeskunsthalle

Hans Op de Beeck, Vanitas XL, 2021, Foto E. Bialkowska, OKNO Studio

Schon bei Baby-Kleidung fängt die Zuordnung von Farben an: Knaben = blau, Mädchen = rosa. Brautkleider sind (meist) weiß, Trauernde tragen (meist) schwarz – obwohl Schwarz und Weiß von einigen Wissenschaftlern als ‚Nicht-Farben‘ bezeichnet werden.

Firmen, Organisationen und auch politische Parteien wählen Farben als Wiedererkennungsmerkmal, um bei Kunden, Mitgliedern und Anhängern sofort ins Auge zu fallen und präsent zu sein: Sparkassen haben Rot als Grundfarbe, die Volks-/Genossenschaftsbanken stehen auf Blau und die (nicht mehr existierende) Dresdner Bank warb mit dem „Grünen Band der Sympathie“. In den alltäglichen Sprachgebrauch eingegangen ist die Benennung von Farben für politische Parteien. Die „Roten“, die „Schwarzen“, die „Grünen“, die „Braunen“ – wohl jeder weiß sofort, welche Partei gemeint ist. Und … und … und …

Die Bundeskunsthalle in Bonn greift oft komplexe Themen auf (parallel läuft noch die Ausstellung „Das Gehirn“) und präsentiert dann künstlerische, aber auch wissenschaftliche und alltägliche Aspekte und Werke zum Thema in ihren Ausstellungen. Die Ideen zum Thema „Farbe“ drohen leicht ins Uferlose zu versinken, zu massiv macht sich „Farbe“ – bewusst oder unbewusst – in unserem Alltag breit (siehe oben). Konsequent haben sich daher die acht Kuratorinnen des Hauses auf gut fünfzig Werke beschränkt, wohl wissend, damit „nur“, aber wichtige Anstöße zum Weiterdenken zu geben.

Etwa, wenn der 25. August 1967 thematisiert wird, als Willy Brandt, damals Vize-Kanzler und Außenminister, auf der Berliner Funkausstellung den roten Knopf zum Start des Farbfernsehens in Deutschland drückte. Damals wurde der Ausstellungstitel „Farbe ist Programm“ Realität im deutschen Fernsehen. Oder wenn zum Nachdenken über die Reduktion von Farbe animiert wird: Ist Farbigkeit immer und überall notwendig? Wie wirkt eigentlich eine monochrome Farbgebung auf den Betrachter?

Das überdimensionierte blau-graue Stillleben mit Totenkopf, Kelch und aufgeschlagenem Buch von Hans Op de Beeck gleich am Anfang der Ausstellung wirft solche Fragen auf. Ein schaurig-schöner Eindruck bleibt haften.
Ähnliches widerfährt dem Besucher beim Betreten eines abgedunkelten Raumes, in dessen Mitte ein wunderbares Bouquet weißer Blumen aufgestellt ist. Mit den weißen Blumen im dunklen Raum greift Willem de Rooij auf die beiden ‚Nicht-Farben‘ Schwarz und Weiß zurück und zeigt, dass auch die Abwesenheit von Farbe eine eigenartige Schönheit ausstrahlen kann. Die grauen Bilder von Gerhard Richter dagegen weisen auf eine Schaffenskrise des Künstlers hin.

Der Anthroposoph Rudolf Steiner zeigte auf einer meterlangen Wandtafel, 1921 im schweizerischen Dornach entstanden, seine farbtheoretischen Überlegungen zum „Wesen der Farben“. Farben, so Steiner, bilden seelische Realitäten ab. Grün etwa ist für ihn die „Farbe des Lebendigen“.

Für die offene Ausstellungsarchitektur, die dem Besucher keinen festgelegten Rundgang vorgibt, konnte der britische Künstler Liam Gillick gewonnen werden, der auch als Co-Kurator fungiert. Für Gillick ist Farbe „ein Mittel, um Widersprüche und Subjektivität auszudrücken. In dieser Ausstellung immer auch ein Träger von Ideen.“

 

 

 

Farbe ist Programm
8.4. – 7.8.2022
Bundeskunsthalle
Museumsmeile Bonn
Helmut-Kohl-Allee 4
D-53113 Bonn
Tel.: +49-228-9171200
Di – So 10 – 19 Uhr, Mi 10 – 21 Uhr
Eintritt: 10 €, erm. 6,50 €
www.bundeskunsthalle.de

Text: Siegfried Schmidtke
Bild: Bundeskunsthalle
Erstveröffentlichung in kunst:art 85