Ein Ort der Sehnsucht im Wandel der Zeit

bis zum 11.9.2022 | Kunst Museum Winterthur

Kunst Museum Winterthur, Foto SIK-ISEA, Zürich, J-P Kuhn

Wer einmal in Italien gewesen ist, der kann sie verstehen, die Sehnsucht der Künstler und Poeten nach diesem Land. Meer auf der rechten und linken Seite des Stiefels, wunderschöne Landschaften und ein Licht, das wohl einmalig ist. Aber nicht nur die Kreativen sind fasziniert vom warmen Süden, in dem nicht nur die Zitronen blühen, wie von Goethe gepriesen. Mit der Möglichkeit der Eisenbahn, ferne Ziele zu bereisen, setzte im 20. Jahrhundert der Massentourismus ein, der sein traurigstes Kapitel in der Gegenwart in Venedig erreichte. Kreuzfahrtschiffe fuhren fast im Minutentakt in die Lagune ein. Während die gut betuchten Reisenden gerührt eine Träne an Bord verdrückten beim Anblick des Markusplatzes vom obersten Deck aus, schlugen Umweltschützer und Venezianer zu Recht Alarm.

In Winterthur geht man nun dem Phänomen „Italia“ ebenso kritisch wie klug nach. In erster Linie waren es wohl die Kunstsammler, die Geschmack fanden an italienischer Kunst. Leonardo da Vinci, Michelangelo Buonarotti oder Raffaello Sanzio di Urbino sind die bekanntesten Namen bis heute, aber es gab natürlich noch mehr talentierte Künstler. Michelangelo hatte beispielsweise beste Kontakte zum Vatikan, die zu einem vollen Auftragsbuch führten.

Im 17. Jahrhundert entdeckten zuerst die Künstler Italien. Sie sogen sich mit Inspiration förmlich voll, malend und schreibend auf dem Papier und die Sehnsucht im Herzen mit in die Heimat tragend. Oder sie entschieden sich dafür, für immer zu bleiben. Mit dem 18. und 19. Jahrhundert zog es vermögende Aristokraten, Industrielle und Wissenschaftler in das südliche Land.

Wo viel Sonne, da viel Schatten, der mit dem 20. Jahrhundert kam. Die beiden Weltkriege veränderten Italien nicht nur politisch. Eine Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte begann und das schlug sich künstlerisch in der Arte Povera nieder. Eine Kunstrichtung der 1960er- und 1970er-Jahre, deren räumlichen Installationen aus gewöhnlichen Materialien wie Holz, Erde, Glassplitter oder gefundenen Gegenständen entstanden. Der blanke Gegensatz zum edlen Marmor zum Beispiel aus Forte dei Marmi.

Die Schau stellt dem verklärten Bild Italiens eines der schonungslosen Gegenwart gegenüber. Vom „dolce far niente“, dem süßen Nichtstun, kann schon lange keine Rede mehr sein. Doch das Gefühl für Geschmack und Eleganz ist typisch italienisch und einmalig. Vielfach kopiert, aber nie erreicht in der Perfektion. Rund siebzig Werke von Künstlern werden präsentiert wie vom französischen Maler Claude Lorrain aus der Barockzeit, dem deutschen Anselm Feuerbach und dem Schweizer Arnold Böcklin bis hin zu aktuellen italienischen Positionen von Monica Bonvicini und Luigi Ghirri.

Die Sehnsucht nach Italien wird die Schau nicht nur bei Kunstfreunden noch verstärken. Obwohl von der Pandemie wahrlich gebeutelt, bleibt Italien das Land der Träume, Sehnsüchte und Inspirationen. Die Zeugnisse der Antike und einer Architektur, die atemberaubend ist, sind unvergänglich und sehenswert.

Nadja Naumann studierte zwei Jahre in Florenz und ist der Stadt am Arno bis heute eng verbunden.

 

 

 

 

Italia. Zwischen Sehnsucht und Massentourismus
bis zum 11.9.2022
Kunst Museum Winterthur
Reinhart am Stadtgarten
Stadthausstr. 6
CH-8400 Winterthur
Tel.: +41-52-2675162
Di – So 10 – 17 Uhr, Do 10 – 20 Uhr
Eintritt: 19 CHF, erm. 16 CHF
www.kmw.ch

Text: Nadja Naumann
Bild: Kunst Museum Winterthur
Erstveröffetnlichung in kunst:art 85