Bilder mit Sogwirkung

24.6. – 4.9.2022 | Haus am Lützowplatz

Deborah Poynton, Home Away from Home (panel 3), 2019, Court. STEVENSON, © Deborah Poynton

Betrachtet man ein Werk der Künstlerin Deborah Poynton, ist man gebannt von Schönheit und Ausführung der Darstellung, doch zugleich oft tief berührt. Poynton selbst sagt: “I think an artist should draw the viewer in through entertainment, and then when they´re in, then things can be felt.“ Und das tun ihre Werke. Sie ziehen einen magisch hinein in die Szenerie. Es sind keine Bilder, welche man einfach betrachtet, sondern es entsteht eine emotionale Resonanz zwischen Werk und Rezipienten. Arbeiten wie “The Labours of Hercules“ (2017) gehen fühlbar direkt unter die Haut. Scheinbar schmerzgekrümmt, nackt und verletzlich liegt die Figur einer Frau zusammengekauert auf einem Tuch im Freien und rührt den Betrachter herzergreifend an. Beinahe möchte man hineingreifen in das Bild, Trost spenden, und doch schaut man letztlich “nur“ auf eine Leinwand. Alle Empfindung ist Projektion, ein Austausch zwischen Künstlerin und Betrachter über das Medium der Leinwand. Sujets werden angedeutet, sind Reflexionsfläche ohne klare Aussage und bringen Persönliches im Schauenden hoch. Sie knüpfen an Erfahrungen, Wertvorstellungen und Konzepte des Betrachtenden an und werfen diesen auf sich selbst zurück, konfrontieren ihn nahezu mit sich selbst.

Beeindruckend an Poyntons Arbeiten ist die Kombination aus perfektionistischer, obsessiver Arbeitsweise und Formatgröße. Betrachtet man ihre meist monumentalen Bilder aus der Nähe, sieht man, wie detailreich, Schicht um Schicht, eine enorme Plastizität erzeugt wurde. Diese lässt dem Werk körperlich Plastisches zukommen und stellt den Betrachter in räumlicher Illusion vor eine scheinbar konstruierte Realität. Die fünfteilige Serie “Home Away from Home“ (2019) befasst sich mit dem Zuhause als Verkörperung des Selbst. Einem Ort, an welchem tägliches Leben stattfindet, das als schützender Rückzugsort Raum für Intimität gibt. Auch hier überkommt den Betrachter etwa bei “panel 3“ (2019) das Gefühl, selbst mit dabei zu sein, Zeuge einer stillen Szene zu werden, in welcher man dem nackten Selbstporträt der Künstlerin über die Schulter, mit geteiltem Blick, in eine undefinierte Weite schaut.

Erstmalig wird mit der Sonderausstellung “Deborah Poynton – Folly“ auch in Deutschland eine Einzelausstellung der südafrikanischen Künstlerin zugänglich. Diese entstand aus einer Kooperation mit dem niederländischen Drents Museum und wurde in enger Absprache mit der Künstlerin von Dr. Marc Wellmann, künstlerischem Leiter vom Haus am Lützowplatz, kuratiert. Dieser sieht “das unmittelbar sinnliche Erlebnis“ im Zentrum ihrer Werke, nennt sie ein “regelrechtes Fest für die Augen“ und räumt ihnen ein eigenes Feld im zeitgenössischen Kunstbetrieb ein. In altmeisterlicher Technik arbeitet die Künstlerin oft mit Selbstporträts oder den immer selben etwa fünf Modellen des eigenen Freundeskreises. Über Jahre hinweg porträtiert sie diese als Aktfiguren, schonungslos realistisch mit ungefilterter, packender Intimität. Von Juni bis Anfang September präsentiert das Haus am Lützowplatz die faszinierende Schau der altmeisterlich-zeitgenössischen Bilder mit Sogwirkung und zeigt, dass Kunst immer auch Selbsterfahrung ist.

Johanna Bayram ist freiberuflich als Autorin tätig.

Deborah Poynton. Folly
24.6. – 4.9.2022
Haus am Lützowplatz
Lützowplatz 9
D-10785 Berlin
Tel.: +49-30-2613805
Di – So 11 – 18 Uhr
Eintritt frei
www.hal-berlin.de

Text: Johanna Bayram
Bild: Haus am Lützowplatz
Erstveröffentlichung in kunst:art 86