Hier wird in die Pedale getreten!

24.7. – 18.9.2022 | Städtische Galerie Bremen

Aram Bartholl, Unlock Life, 2020, Ausstellungsansicht Kunstraum Kreuzberg, Court. of the artist

Ein Thema, drei Häuser: Die Städtische Galerie in Bremen, die Kunsthalle in Wilhelmshaven und die Städtische Galerie im benachbarten Delmenhorst sind 2021/22 aufs Rad gestiegen und damit das Gleichgewicht gewahrt bleibt, beim Radeln ja ganz wichtig, tun sie es zwar vernetzt, aber mit durchaus eigenem Profil.

Den Anfang machten schon im Vorjahr die Wilhelmshavener: Als spektakulärer Auftakt des Gesamtprojekts war dort der österreichische Künstler Hannes Langeder zu Gast mit seinem „Fahrradi Farfalla FXX“, einer original großen Kopie eines Ferrari FXX – mit Pedalantrieb! Die verblüffende Konstruktion verbindet subversiven Witz mit eindrucksvollem technischem Know-How: Der filigrane Rohrrahmen des Vehikels würde jedem Rennwagen der 50er Ehre machen, ist jedoch aus dünnen Kunststoffröhrchen gefertigt, denen Paketband zur (Fahr-)stabilität verhilft.

„Cyclophilia“, so ist der Wilhelmshavener Teil des aktuellen Projekts betitelt, schaut auf die Rolle des Fahrrads in der Kunst und nicht zuletzt auch in der Musik. Beginnend mit Duchamps berühmtem „Roue de bicyclette“, dem Vorderrad auf dem Hocker, griffen zahllose Künstler und Künstlerinnen in der Folge zum Fahrrad: Sie nutzten die elegante Ästhetik seiner Konstruktion oder spielten mit dem mechanisch-biologischen Zwitter von (Stahl-)Ross und Reiter.

Seit den frühen 60er-Jahren wurde das Fahrrad zum Musikinstrument. Womit unartige Knaben einstmals ihre Umwelt nervten – Stäbchen mit Gummiband an der Speiche befestigt zwecks ausdauernder Lärmerzeugung –, dieses Prinzip taugte auch für höhere Zwecke: Das bewies der junge Frank Zappa, bekanntlich stets gern ruhestörend unterwegs, oder auch der japanische Künstler Takehisa Kosugi, der für seinen Kompositionen fahrradgenerierte Klänge einsetzte. Aber nicht nur historisch wird mit dem Radl musiziert: Das Frantic Percussion Ensemble bringt in der Kunsthalle neue Fahrradkompositionen von Matthias Kaul live zu Gehör (am 4. September).

Als erste Etappe des gemeinsamen Projekts zeigte 2021 Delmenhorsts Städtische Galerie im Haus Coburg „Fahrradkörper“: Das Fahrrad ist praktisches Transportmittel, völlig ungeahnte Dimensionen eröffnen sich aber, wenn die sachliche Konstruktion zur schrägen Dysfunktionalität mutiert. Und das Fahrzeug ist nicht vom Benutzer zu trennen: Eine feministische Videoarbeit thematisiert den öffentlichen Kommentar auf die Radlerin.

Der Rad fahrende Mensch ist ungleich exponierter als der Auto fahrende. „Bike in Head“, der diesjährige Bremer Beitrag, möchte von der Kritik der Gegenwart in die Zukunft überleiten und dafür aktuelle künstlerische Positionen versammeln, die sich mit dem Blick auf neue Verkehrs-, Design- und Lebenskonzepte dem Fahrrad zuwenden. Ganz konkret auf die Stadt bezogen: In enger Kooperation mit „Bike It“ soll die Bremer Fahrradgeschichte erforscht werden, vor allem aber schlüssige neue Ansätze im obigen Sinne befördert werden. Das Fahrrad ist zentraler Drehpunkt einer sich verändernden Gesellschaft!

Dieter Begemann ist Künstler und Kunstwissenschaftler, der Architektur, Design, Autos und Italien liebt!

Bike in Head. Vélovisionen in Kunst und Leben
24.7. – 18.9.2022
Städtische Galerie Bremen
Buntentorsteinweg 112
D-28201 Bremen
Tel.: +49-421-3615826
Di – So 12 – 18 Uhr
Eintritt: frei
www.staedtischegalerie-bremen.de

Cyclophilia. Das Fahrrad in Kunst und Musik
23.7. – 18.9.2022
Kunsthalle Wilhelmshaven
Adalbertstr. 28
D-26382 Wilhelmshaven
Tel.: +49-4421-41448
Di – So 11 – 17 Uhr, Do 11 – 20 Uhr
Eintritt: 4 €, erm. 2 €
www.kunsthalle-wilhelmshaven.de

Text: Dieter Begemann
Bild: Städtische Galerie Bremen
Erstveröffentlichung in kunst:art 86

Über Dieter Begemann 192 Artikel
Begemanns Blog: Sternschnuppen An dieser Stelle soll es um ästhetische Sternschnuppen gehen und, wie es die Schnuppen so machen, sollen sie hin und her zischen auf manchmal verblüffenden Kursen – kreuz und quer! Ich konnte (und musste zum Glück mich auch nie) entscheiden zwischen praktisch-bildkünstlerischen und theoretischen Interessen: Ich liebe Malerei und Bildhauerei, begeistere mich für Literatur, bin ein Liebhaber von Baukunst und Design –aber meine absolute Leidenschaft gehört der Gestaltung von Gärten und Autos. Und, eh ich’s vergesse: natürlich dem Film!!