Was bleibt? Und warum (nicht)?

09.05. - 18.9.2022 | Kunstmuseum Thurgau

Emma Bindschedler, Jenny Hippenmeyer, 1899

Künstler sind seit je (neben Bargeld) aus auf Wirkung, Anerkennung – mit einem Wort auf Ruhm. Das impliziert eine Wirkung über die eigene Lebenszeit hinaus. Die Säle der Kunstmuseen sind denn auch voll vom Schaffen derjenigen Künstler, denen das gelang. Aber: Auf einen Leonardo oder Raffael kommen Hunderte, deren Werke im Depot vor sich hindämmern, und Tausende, die völliger Vergessenheit anheimgefallen sind. Dieses traurige Schicksal kann vor allem denen blühen, die auch zu Lebzeiten niemals bekannt gewesen sind (obwohl es da auch das Phänomen der posthumen Entdeckung gibt), aber ebenso solchen Künstlern, die einstmals sehr erfolgreich und berühmt waren. Welche Kriterien der Bewertung legt der spätere Zeitgeist an? Ist da unbedingt die Gerechtigkeit am Werk? Und wenn nicht, warum nicht?

Das Kunstmuseum Thurgau möchte mit seiner groß angelegten Ausstellung „Gelobt, gepriesen, vergessen“ diese „Vergänglichkeit des Ruhms“ genauer untersuchen. Anstatt sich (allzu) allgemeinen Überlegungen zu diesem ergiebigen Thema zu überlassen, nimmt das Team um Museumdirektor Markus Landert ganz konkret Beispiele aus der Ostschweizer Kunstszene in den Blick. Die Künstlerinnen und Künstler sind im späteren 19. Jahrhundert bis hinein in die 1930er-Jahre geboren, entsprechend berührte manches Schaffen knapp noch die Jahrtausendwende.

Eine gute Basis für den Nachruhm ist natürlich die Sichtbarkeit zu Lebzeiten: Teilnahme an relevanten Ausstellungen, Gewogenheit renommierter Kritiker, Erteilung öffentlicher Aufträge (diese sind oft auch schon spätere Eintrittskarte zu den Weihen des Museums). Einer, für den das alles zutraf, ist Adolf Dietrich (1877–1957): Aus dem heimischen Thurgau gelangten seine Werke bald in die größere Schweiz, in die europäischen Hauptstädte und sogar nach New York. Bis heute sind seine Werke beliebt beim Publikum. Aber was haben seine flächig-prägnant aufgefassten Landschaften, was denen von Theo Glinz (1890–1962) fehlt? Dessen „Selbstbildnis“ von 1914 ist beeindruckend, wie es den Künstler mit skeptisch verengten Augen als Herrn vor einer von winzigen Menschlein wimmelnden Landschaftsbühne zeigt. Nach anfänglichen Erfolgen, Wettbewerbssiegen und Museumsausstellungen sank Glinz in die Vergessenheit.

Warum fällt einem zur Lebenswelt der 1920er-Nachkriegsjahre mit ihrem Rollenwandel und selbstbewussteren Körpergefühl der Frauen nicht gleich Martha Haffner (1873–1951) ein? Ihre „Badeanstalt am Frauenfeld“ (1926) zeigt in lockerer, freier Malweise jedenfalls genau diese Veränderungen. Auch Emma Bindschedler (1852–1900) mit ihrem selbstbewussten Porträt der Freundin und Kollegin „Jenny Hippenmeyer“ (1899) ist kaum noch bekannt, obwohl doch die beiden die „Kölner Kunstschule“ gründeten. Hätte man ein männliches Künstlerduo auch vergessen?

Das öffentliche Gedächtnis, auch das kulturelle, ist schnelllebig. Ob zu Recht oder zu Unrecht vergessen wurde – diese Frage ist schwierig zu beantworten, oft muss sie auch offen bleiben.

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Gelobt, gepriesen, vergessen. Von der Vergänglichkeit des Ruhms
bis zum 18.9.2022
Kunstmuseum Thurgau
Kartause Ittingen
CH-8532 Warth
Tel.: +41-52-7484411
Täglich 11 – 18 Uhr

www.kunstmuseum.tg.ch

Text: Dieter Begemann
Bild: Kunstmuseum Thurgau
Erstveröffentlichung in kunst:art 86

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Begemanns Blog: Sternschnuppen An dieser Stelle soll es um ästhetische Sternschnuppen gehen und, wie es die Schnuppen so machen, sollen sie hin und her zischen auf manchmal verblüffenden Kursen – kreuz und quer! Ich konnte (und musste zum Glück mich auch nie) entscheiden zwischen praktisch-bildkünstlerischen und theoretischen Interessen: Ich liebe Malerei und Bildhauerei, begeistere mich für Literatur, bin ein Liebhaber von Baukunst und Design –aber meine absolute Leidenschaft gehört der Gestaltung von Gärten und Autos. Und, eh ich’s vergesse: natürlich dem Film!!