50. Jubiläum der Olympischen Spiele in München 1972

„Visionen und Wirklichkeit. Kunst für die Olympischen Spiele 1972 in München.“ Eine vielfältige Ausstellung macht den Spirit dieser besonderen Spiele mit überraschenden Exponaten bis zum 11. September erlebbar und Vorträge von Expert_innen am 9./10.September vermitteln anschaulich Hintergründe und neue Einsichten über die Rolle der Kunst.

Die Verbindung von Kunst und Sport zeichnete die Spiele der XX. Olympiade 1972 in München aus. Diese bis heute einmalige Symbiose steht im Zentrum der Ausstellung in der Rathausgalerie Kunsthalle anlässlich des 50. Jubiläums. Erstmals wird umfänglich und in musealem Kontext gezeigt, welch kreative Energie das Großereignis damals entfachte, was tatsächlich realisiert wurde und was als Idee heute noch relevant ist. Eindrucksvoll wird anhand von Kunstwerken, Originaldokumenten, Filmen und Bildern der Geist dieser Olympischen Spiele erlebbar.

Den Initiatoren schwebte ein Gesamtkunstwerk vor. Heiter, international, weltoffen und gemeinschaftsbildend sollten die Olympischen Spiele 1972 in München sein. „Im Zentrum unserer Bewerbung stand von Anfang an Sport, Kunst und Kultur“, so die Worte von Oberbürgermeister Hans Jochen Vogel. Das gab es so vorher noch nie, das überzeugte im Bewerbungsprozess. Das Konzept inspirierte die Gestalter zu mutigen, geradezu revolutionären Vorschlägen. Die großartige Architektur von Behnisch und Partner und das wegweisende Design von Otl Aicher gehören zu den Beiträgen, die bis heute weltweit Beachtung finden. Aber was ist eigentlich mit der Kunst, mit der Kultur? Vieles geriet in Vergessenheit. Vieles wurde abgesagt aufgrund des grausamen Attentats und weil es zu radikal und mutig war.

Deshalb hat Kuratorin Elisabeth Hartung eine Ausstellung konzipiert, die Geschichten zur Kunst 1972 erzählt und dazu einlädt, sich Gedanken zu machen, welche Rolle Kunst auch für heutige und zukünftige Gesellschaften spielen kann. Es ist eine historische museale Ausstellung, überraschend für die Rathausgalerie. Doch hier fing alles an. Die passenden Worte findet Kuratorin Dr. Elisabeth Hartung: „Erstmals seit 1972 können in München die Besucher_innen anhand von verschiedensten Medien und Objekten die Spielstraße rund um den Olympiasee erleben, die Programme des Olympischen Sommers kennenlernen, die in der gesamten Stadt München stattgefunden haben, und die Pläne für die Olympische Landschaft am Oberwiesenfeld. Die Erkenntnis zu vermitteln, dass Kunst auch heute in ihrer kritischen, ihrer sinnlichen und vorausschauenden Qualität ein wichtiges Medium unserer Gesellschaft ist, ist ein Ziel der Ausstellung. Sie regt an, sich mit dem Blick in die Zukunft zu fragen, welche Entwicklungen damals angestoßen wurden, was von den Ideen von 1972 weiterhin gültig ist und was uns davon immer noch bewegt.“

Die Ausstellung „Visionen und Wirklichkeit. Kunst für die Olympischen Spiele 1972 in München“ zeigt verborgene Schätze, zusammengetragen aus zahlreichen Archiven und Sammlungen. Vereint sind Dokumente, Kunstwerke und Materialien des offiziellen internationalen und interdisziplinären Kunst- und Kulturprogramms vom 1. August bis 16. September 1972 in ganz München, aber auch die dauerhaft geplanten, realisierten und nicht realisierten Kunstwerke des Olympiaparks und des Olympiadorfs. Beleuchtet wird das Thema Kunst in allen relevanten Facetten der damaligen Planungen: Kunst als zentrale Maßnahme der Olympischen Landschaft, als kritischer Kommentar, als ästhetischer Gegenpol zu den Sportwettkämpfen, als spielerisches Angebot, als Utopie, als demokratischer Zukunftsentwurf.

Fast vergessen ist etwa die Ausstellung „Weltkulturen und moderne Kunst“ im Haus der Kunst, die erstmals mit den traditionellen Vorstellungen von der naturgegebenen Vorherrschaft der abendländischen Kunst gebrochen hat. Was für ein Zeichen! Das Haus der Kunst wurde dafür von Paolo Nestler um einen Anbau mit 5000 qm Ausstellungsfläche erweitert und war Gastgeber für viele hundert Exponate aus 151 Museen und 145 Privatsammlungen aus aller Welt. Zahlreiche Mitmach-Angebote vermittelten Kindern und Jugendlichen neue Zugänge zur Kunst und luden zum Gestalten ein. Die moderne Museumspädagogik war geboren.
Ein Spaziergang durch die Rathausgalerie ist wie eine Zeitreise ins Jahr 1972

Willkommen also im „kurzen Sommer der konkreten Utopie“ (Michael Ruck, Politikwissenschaftler und Zeithistoriker). Willkommen auf der Spielstraße, dieser neuartigen, spielerischen Begegnungs- und Mitmachstätte im Geiste der emanzipatorischen Ideale der Zeit um 1970. Inmitten einer raumgreifenden Videoinstallation von Jana Karina Stolzer mit bisher niemals in München gezeigten Filmen von Theo Gallehr ist deutlich zu spüren, welche Radikalität, welche Freiheit und wie viel Mut die Stadt München mit ihrem Kulturprogramm an den Tag gelegt hat. Hans Jochen Vogel dazu: „Eine Gesellschaft muss die Kraft haben, auf kulturellem Gebiet auch einmal etwas ganz Außergewöhnliches und Riskantes zu wagen.“

Weitere Highlights der Ausstellung, kommentiert von Kuratorin Elisabeth Hartung:

• Das Foto der Wasserwolke von Heinz Mack. „Es versprüht die Energie, die die Planungen der Olympischen Spiele in München 1972 auszeichnen. Zugleich steht es für den Mut zum Experiment und den unbedingten Willen, sich nicht von technischen Hindernissen abhalten zu lassen, sondern gemeinsam zu realisieren, was vorher unvorstellbar war.“
• Die Entwürfe von Gerhard Richter für die Schwimmhalle: großformatige Wolken-Dias. „Wir haben diesen kaum bekannten Schatz in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus ausfindig gemacht.“
• Die Ideen der amerikanischen Künstler Walter de Maria, Carl Andre und Michael Heizer, die uns daran erinnern, dass die Welt des Unsichtbaren wirklich ist, die für einen ganz neuen Kunstbegriff stehen. „München hätte damals die Chance gehabt, mit den situationsbezogenen Kunstwerken das erste Land-Art Projekt zu präsentieren.“ Die Ideen und das Geld waren da. Doch letztendlich fehlte der Mut.
• Die etwa 100 Meter lange „Medienstraße“ innerhalb der Spielstraße rund um den Olympiasee mit Light Shows/Environments mit Laser, Dias, Filmen und Computergrafik, Stroboskopie, Projektionswolken, Leuchtobjekten und einem haptischen Weg. „Josef Anton Riedl und Johannes Göhl wollten damit Angebote machen, mit denen Sehen, Hören, Fühlen, Riechen, Gehen neu erlebt werden“. Als Geruchsereignis hatte man das erste großflächige olfaktorische Duftprojekt von Willrich Mattes angekündigt.
• Die Plakate. „Die Edition Olympia sollte schon vor den Spielen mit Plakatmotiven für die Münchner Spiele werben und für ihren kulturellen Anspruch. Beteiligt hatte sich das Who is Who der damaligen Kunstszene, Stars wie Victor Vasarely, David Hockney, Richard Lindner, Tom Wesselmann, Eduardo Chillida und Pierre Soulages.

Bleibt noch eine Frage: Wer war die Zielgruppe der vielfältigen Kunst- und Kulturprogramme? Kunst als Ausdruck von Freiheit und Vielfalt war essentieller Teil der Olympischen Spiele in München, die Deutschland als modernes, demokratisches Land zeigen wollten. Allen Menschen sollten neue und überraschende Perspektiven vermittelt werden. Doch eine wichtige Zielgruppe war die junge Generation mit ihrem kritischen Bewusstsein angesichts der Endlichkeit von Ressourcen, der weltweiten Krisen, des Kalten Kriegs, der rein kapitalistischen Weltordnung und der Sehnsucht nach einer friedlichen demokratischen Zukunft. „Diese Jugend lebt in einer Zeit, in der nahezu alles in Frage gestellt ist […]. Sie wird sich ganz gewiss nicht mit überkommenen Idealvorstellungen einer olympischen Bewegung noch mit ihrer bloßen Existenz zufriedenstellen lassen.“, Die Aussage von Willi Daume, des damaligen Präsidenten des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) ist auch heute aktuell und relevant.

Vorschau: die interdisziplinäre Konferenz am 9. und 10. September 2022

Ein Termin, den man sich vormerken sollte: Am 9. und 10. September 2022 findet
in der Ausstellung eine Konferenz statt, in der Expert_innen Kurzvorträge zu den Themen der Ausstellung halten. Alle Interessierten sind eingeladen.
Der Eintritt ist frei.

Freitag, 9. September 2022, 14 bis 18 Uhr
14:00 Uhr: Begrüßung durch Kulturreferent Anton Biebl, kurze Einführung in Ausstellung und Tagung durch Elisabeth Hartung
14:15–15:00 Uhr: Kay Schiller: Olympiadorf und -park als gelebte Utopie
15:00–15:45 Uhr: Elisabeth Spieker: Olympia 72: Architektur Landschaft Kunst – neue Ansätze situativer Gestaltung
15:45–16:15 Uhr: Kaffeepause
16:15–17:00 Uhr: Corinna Thierolf: Never give up! Die Konzepte amerikanischer Künstler für das Kunstprogramm der Olympischen Sommerspiele 1972
17:00–18:00 Uhr: Gegen.Kunst. Laszlo Glozer und Christian Kandzia im Gespräch mit Heinz Schütz

Samstag, 10. September 2022, 10 bis 18 Uhr
10:00 Uhr: Begrüßung
10:15–11:00 Uhr: Barbara Könches: Zum „Regenbogen“ von Otto Piene. Ein Hoffnungszeichen in Orange, Gelb, Grün, Hellblau und Violett

11:00–11:45 Uhr: Daniela Stöppel: Regelkreisläufe und Feedbackschleifen. Zur kybernetischen Ästhetik in Kunst und Design um 1970
11:45-12:30 Uhr: Maurin Dietrich: „Fragments, or just Moments“ Politiken des Erinnerns bei Tony Cokes
12:30-14:00 Uhr Mittagspause
14:00 – 14:45 Uhr: Elisabeth Hartung: Die Spielstraße im Kontext der Kunst 1972
14:45–15:30 Uhr: Michael Lentz: Hörensehen, Sehenhören. Josef Anton Riedl und die Neue Musik
15:30-16:00 Uhr: Kaffeepause
16:00–16:45 Uhr: Heinz Schütz: KUNST GLOBAL: Die Ausstellung “Weltkulturen und moderne Kunst“
16:45–17:30 Uhr: Abschlusspanel, Moderation: Susanne Hermanski

Alle Interessierten sind eingeladen. Der Eintritt ist frei.

2022: 50 Jahre Olympische Spiele in München

Die Spiele der XX. Olympiade München 1972 prägten die bayerische Landeshauptstadt maßgeblich. Die heiteren Spiele, aber auch das tragische Attentat auf die israelische Olympiamannschaft sind in der kollektiven Erinnerung verankert. Die Stadt erinnert zum 50. Jubiläum mit einem vielfältigen Programm an den demokratischen, ganzheitlichen und visionären Ansatz der Spiele. 2022 gibt es unter dem Motto „München auf dem Weg in die Zukunft 1972–2022–2072“ Ausstellungen und Veranstaltungen zu Sport, Kultur, Design, Architektur, Erinnerungskultur und das Miteinander in der Demokratie – im öffentlichen und digitalen Raum. Die Erinnerung an den Anschlag wird sich angemessen im Programm wiederfinden. Der Olympiapark war vom 1. bis 9. Juli 2022 Schauplatz eines Festivals des Spiels, des Sports und der Kunst. Flankiert wurde dieses von Aktionen in den Stadtvierteln im Juni und Juli.
Federführung: Kulturreferat der Landeshauptstadt München. Partner: Deutscher Olympischer Sportbund (DOSB), Olympiapark München GmbH und viele weitere Partner, Institutionen und Akteur_innen.

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