Virtuelle Schnittstellen

22.9.2022 – 8.1.2023 | Kunsthaus Graz

Hito Steyerl, Animal Spirits, Installationsansicht Museum of Modern and Contemporary Art, Korea (MMCA), 2022 (Foto Hong Cheolki)

Inmitten dieser „Höhle“ wachsen Pflanzen geschützt in einer Art Mini-Gewächshaus: Durchsichtige kugelförmige Behältnisse, die den Pflanzen alles bieten, was sie zum Gedeihen brauchen: Luft, Erde, Wasser, Licht. Doch Achtung, jetzt kommt der Besucher ins Spiel: Mit seinem Handy kann er sich in die interaktive Pflanzeninstallation einloggen und Einfluss nehmen, zum Beispiel, indem er die Lichtverhältnisse verändert.

Durch den Einsatz neuer Technologien und einer klugen Verknüpfung von virtuellen und analogen Möglichkeiten erweitertet Hito Steyerl ihren künstlerischen Ausdruck. Das filmische Know-how hat sie sich während ihrer Studien an der Academy of Visual Arts in Tokio und der Hochschule für Fernsehen und Film in München angeeignet. Eindrucksvolle, bildgewaltige Filmsequenzen untermauern ihre komplexe Kritik an gesellschaftspolitischen und ökonomischen Zuständen innerhalb der Gesellschaft.

Der Film „Animal Spirits“ zum Beispiel, der der Ausstellung seinen Titel verliehen hat und einen Teil der Gesamtinstallation ausmacht, verbindet auf komplexe Weise unterschiedlichste Themen: Es geht um die Geschichte des Hirtenjungen Nel, der den Wunsch hegt, das urbane Umfeld zu verlassen, um in der Natur zu leben, dann allerdings den Einfluss und die Macht der digitalen Medien zu spüren bekommt. Vielseitige philosophische Betrachtungen sind immer wieder in Hito Steyerls Arbeiten zu finden und tatsächlich hat die Künstlerin fächerübergreifend zu einem philosophischen Thema an der Akademie der Bildenden Künste in Wien promoviert.

Unmittelbar nach ihrem Studium 1990/91 erhielt Steyerl die fulminante Möglichkeit, ihr Können unter Beweis zu stellen und gemeinsam mit Wim Wenders an dessen Film „Bis ans Ende der Welt“ mitzuwirken. Später verlegte sie ihr Augenmerk auf gesellschaftlich relevante Themen wie Antisemitismus und Rassismus, nach dem Fall der Berliner Mauer beschäftigte sie sich mit den städtebaulichen Veränderungen und Machtstrukturen in Berlin. Ihr Rückzug von der umstrittenen documenta 15 in Kassel ist nur mehr die lineare Fortsetzung ihrer konsequenten Haltung und verdient Anerkennung und Respekt.

Hito Steyerl hat mehrfach an der documenta und an der Biennale von Venedig teilgenommen. Derzeit ist die Künstlerin in Berlin an der Akademie der Bildenden Künste als Professorin für experimentellen Film und Video tätig. Ihre oftmals provokanten Filme und Videos sind eine spannende Bereicherung und singulär im Hinblick auf die kritische Auseinandersetzung mit wichtigen gesellschaftspolitischen Themen.

Hito Steyerl. Animal Spirits
22.9.2022 – 8.1.2023
Kunsthaus Graz
Lendkai 1
A-8020 Graz
Tel.: +43-316-80179200
Di – So 10 – 18 Uhr
Eintritt: 10,50 €, erm. 4 – 9 €
www.museum-joanneum.at/kunsthaus-graz

Text: Karin Gerwens
Bild: Kunsthaus Graz
Erstveröffentlichung in kunst:art 87