I can’t breathe

30.9.2022 – 15.1.2023 | Hamburger Kunsthalle

Bei der Performance „Breathing in/Breathing out“, die im April 1977 in Belgrad aufgezeichnet wurde, hängen die Künstler Ulay und Marina Abramovic – und damit ihr Überleben – für die Dauer von fast zwanzig Minuten buchstäblich voneinander ab. Die Münder aneinandergepresst, tauschten sie ihren Atem aus, die einzige Sauerstoffquelle, bis die Künstler kollabierten. Sinnbildlich geht es bei der Aktion um den Tod des Selbst, der bei jeder Form von Zusammenarbeit potenziell droht. Eine, wenngleich auf den ersten Blick irritierende, Position, die nun in der umfangreichen Themenausstellung ATMEN in der Hamburger Kunsthalle zu sehen ist. Die rund hundert Werke umfassende Schau beschäftigt sich mit den unterschiedlichen Facetten des Atmens und seiner Darstellung in der Kunst der Alten Meister wie der Barockmalerei Hendrick ter Brugghens über die romantischen Ansichten Caspar David Friedrichs bis zur Gegenwart mit Kunstwerken von Jeppe Hein, Natalia Czech und Kasia Fudakowski.

Der Ausstellungsparcours, der sich mit einer Lichtinstallation von Jenny Holzer in den Außenraum erweitert, widmet sich Malerei, Skulptur und Installation, Fotografie und Zeichnung bis hin zu Performance, Video, Film und Sound Pieces dem existentiellen Thema, das vielfältige soziale und politische Dimensionen bereithält. Atmen bedeutet selbstverständlich Leben, während sein Verlust gleichbedeutend ist mit dem Tod. So sind beispielsweise die letzten Worte von George Floyd 2020, „I can’t breathe“, zu einem Synonym rassistischer und institutioneller Gewalt geworden. Weit davon entfernt, nur ein physiologischer Prozess zu sein, trifft Atmen so auch immer eine gesellschaftspolitische Aussage.

Atmen
30.9.2022 – 15.1.2023
Hamburger Kunsthalle
Glockengießerwall 5
D-20095 Hamburg
Tel.: +49-40-428131200
Di – So 10 – 18 Uhr, Do 10 – 21 Uhr
Eintritt: 14 €, erm. 8 €
www.hamburger-kunsthalle.de

Text: Stefan Simon
Bild: Hamburger Kunsthalle
Erstveröffentlichung in kunst:art 87