Das Schicksal ukrainischer Kulturschätze

Ein Kommentar von Mathias Fritzsche

Es mag auf den ersten Blick zynisch erscheinen: Da sterben täglich viele Menschen im Krieg in der Ukraine und viele Millionen sind geflohen und haben ihre Heimat verlassen, und dann angesichts der Tragödien ein Kommentar zur Lage der Kunstschätze in der Ukraine? Das muss doch wohl nicht sein …?

Leider doch, denn es gehört zur Wahrheit dazu, dass in Kriegen allgemein und in diesem Krieg im Besonderen nicht nur Menschenschicksale zu beklagen sind, sondern auch Kunstschätze verschwinden oder zerstört werden. Die Ukraine ist ein eigenständiger Staat, der seine Geschichte in Teilen mit Russland teilte, vor allem aber auch eigenständige, von Russland unabhängige Geschichte und Kultur hat. Kunstschätze machen also auch einen Teil der Identität des Staates aus, für den seine Bürgerinnen und Bürger bereit sind, ihr Leben zu geben. Können sie dann unwichtig sein?

Die Gefahren, denen Kunstschätze in Kriegen ausgesetzt sind, sind zahlreich. Ganz profan ist mit jeder Rakete oder Drohne, die die Städte der Ukraine angreift, Zerstörung die Folge. Schon im Mai 2022 war die Rede davon, dass rund 250 Museen und Denkmäler in der Ukraine zumindest beschädigt worden seien. Dass sich diese Anzahl inzwischen deutlich erhöht haben dürfte, ist wohl keine Rechenkunst. Alleine die Zerstörung des Kachowka-Staudamms und die Überflutung riesiger Gebiete hat weitere Museen und vor allem archäologische Projekte unwiederbringlich hinweggeschwemmt.

Es gibt viele Berichte, wonach in von Russland besetzten Gebieten Kulturschätze von russischen Besatzern aus den Museen entnommen werden und in „Sicherheit“ gebracht werden. Schon nach der Annexion der Krim beanspruchte der russische Staat die Kulturschätze der dortigen Museen für sich, betrachtet doch Russland die Kultur der Krim als russische Kultur. Ein Bereich, über den sich vortrefflich streiten lässt: Ist es russische Kunst oder ukrainische Kunst? Vermutlich ist es vor allem Kunst und Kultur der Krim und der Krim-Tataren, die als Spielball verloren geht.

Neben der Zerstörung ukrainischer Kunstschätze und der Verschleppung ebendieser durch russische Einheiten ist zu befürchten, dass auch in der Ukraine einige Krisengewinnler das Chaos und die Furcht nutzen, um Kunstschätze zu stehlen. 

Russland hat den Krieg unter anderem damit gerechtfertigt, dass die Ukraine angeblich kein eigenständiger Staat und damit im Prinzip ein Teil Russlands sei. Gerade die Kultur, und damit auch die Kulturschätze, ist für die Ukraine ein Teil der nationalen Identität. Diese eigenständige Identität der Ukraine soll auf dem Schlachtfeld zerstört werden.

Die nationalstaatlichen Grenzen, die ukrainische Sprache, die Religion und die Kultur mitsamt ihren Kulturschätzen sind es, worauf es Russland abgesehen hat. Was die Ukraine selbstständig macht, was die Ukraine von Russland unterscheidet, soll vernichtet werden. Damit die Ukraine dauerhaft als eigene Kultur und als eigener Staat verschwindet!

Es ist gut und richtig, wenn Museen im deutschsprachigen Raum ukrainische Kunst ausstellen. Wenn möglichst viele Menschen die ukrainische Kunst kennenlernen, dann ist es nicht mehr so leicht, diese wegzuradieren. Wenn ukrainische Kunst, ob modern, klassisch oder alt, zur Sammlung möglichst vieler Museen gehört, dann überlebt ukrainische Kunst auch außerhalb des Landes. Denn das sind die Aufgaben von Museen: Sammeln, Bewahren, Forschen, Ausstellen und Vermitteln. In diesem Fall möglicherweise auch treuhänderisch … Museen im deutschsprachigen Raum, aber auch anderswo, helfen dabei, dass ukrainische Kulturschätze in Sicherheit kommen und aufbewahrt werden, bis der Krieg vorbei ist.

Nach dem Krieg geht es um eine Bestandsaufnahme: Was ist noch da und in welchem Zustand? Was beschädigt ist, kann es restauriert werden? Kommen Kunstschätze aus Russland zurück? Der Krieg wird, unabhängig davon, wie lange er noch dauert und wie er ausgeht, eine Schneise der Verwüstung nicht nur im Land und nicht nur in der jungen Bevölkerung hinterlassen, sondern ebenso in der Kultur des Landes. Es wird am Ende einen empfindlichen Schaden geben, der irreparabel ist. Das wiederum kann aber, ganz im Gegensatz zum Ziel Russlands, auch dazu führen, dass die Ukraine zusammenrückt und erst recht eben diese Lücke als sinnstiftenden und identifikationsfördernden Kulturschatz definiert.

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