Otto Gleichmann Ausstellung im Sprengel Museum Hannover

1.8.2026 – 1.11.2026 | Sprengel Museum Hannover

Otto Gleichmann, Bitterer Karneval, 1925

Zwischen Wirklichkeit und Traum

Die Gemälde von Otto Gleichmann nehmen sich vor allem den Menschen zum Thema. Zu glauben, es handele sich um einen Porträtmaler, wäre allerdings ein fast ebenso großes Missverständnis wie die Annahme, in der konkreten Kunst ginge es im Gegensatz zur Abstraktion um konkrete Menschen und Gegenstände. Otto Gleichmann widmet sich dem Menschlichen noch mehr als dem jeweiligen Menschen; sein Interesse gilt dem Erleben und den Ängsten, die Menschen ausmachen. In seiner künstlerischen Umgebung des Expressionismus stand er damit nicht ganz allein, aber auch nicht im Dunstkreis einer der berühmten Künstlergruppen in Berlin oder München. Vielmehr lebte und arbeitete er im Wesentlichen in Hannover, als Maler ebenso wie als Kunstlehrer. Allerdings war seine Kunst zu Zeiten der Weimarer Republik durchaus anerkannt und erfolgreich. Er war Mitglied der Hannoverschen Sezession, ebenso wie beispielsweise der heute weit bekanntere Kurt Schwitters, und seine Kunst war vor dem Zweiten Weltkrieg im Gespräch und ausgestellt. Dennoch wurde Otto Gleichmann zwischenzeitlich fast vergessen. Das lag sicher nicht an fehlender Substanz und Spannung, die seinen Gemälden und Zeichnungen innewohnen. Ein Grund könnte aber in seinem Verhältnis zum Nationalsozialismus liegen, das an jenes von Emil Nolde erinnert. Seit 1933 war er Mitglied der NSDAP, seine Kunst stieß dort allerdings auf Verachtung, wurde in der Ausstellung „Entartete Kunst“ verspottet und er selbst mit einem Ausstellungsverbot belegt. Viele seiner Werke wurden von den Nazis beschlagnahmt und/oder vernichtet. So ist heute nur noch rund ein Drittel seines Schaffens erhalten, das Sprengel Museum spricht von 570 heute nachweisbaren der ursprünglich rund 1600 Werke. Davon wiederum sind es 117 Beispiele, die in Hannover gezeigt werden. Sie geben einen Einblick in die absolut nicht immer heile Welt einer vom Ersten Weltkrieg und seinen Folgen traumatisierten Gesellschaft, deren Wunden den gesamten Expressionismus wesentlich geprägt haben. Darin sucht und sieht Gleichmann oft auch den Menschen in seiner eigenen Natur und damit das große Ganze. Denn Mensch und Gott, so führte es seine Enkelin Anna-Charlotte Kingeling zur Eröffnung der Schau aus, schienen für Otto Gleichmann identisch. Nur eben nicht immer gut.


Als Teil der Reihe zu Künstlerinnen und Künstlern aus Hannover setzt das Sprengel Museum Gleichmanns Arbeiten in Dialog und Zusammenhang mit Werken von Beckmann, Klee, Feininger und eben auch Schwitters und Nolde und weiteren. Doch wer von Otto Gleichmanns Werk spricht, der muss vor allem auch von jenem seiner Frau Lotte sprechen. Beide beeinflussten sich, ihre jeweiligen Werke sind eigenständig, aber immer wieder mit Bezug aufeinander und ohne das jeweils andere nicht vollständig zu verstehen. Folgerichtig ist auch Lotte Gleichmann mit ihren Arbeiten Teil der Ausstellung. Vor dem Zweiten Weltkrieg wurden auch sie international ausgestellt – vielleicht hat auch Lotte bald eine Retrospektive wie jene erkenntnisreiche von Otto im Sprengel Museum.


Christian Hoffmann lebt und arbeitet im Rheinland.

Otto Gleichmann und der Expressionismus in Hannover
1.8. – 1.11.2026
Sprengel Museum Hannover
Kurt-Schwitters-Platz 1
D-30169 Hannover
Tel.: +49-511-16843875
Di 10 – 20 Uhr, Mi – So 10 – 18 Uhr
Eintritt: 14 €, erm. 6 €
www.sprengel-museum.de