Die russische Hauptstadt schafft ihr wichtigstes Museum zur Aufarbeitung des stalinistischen Terrors ab. An seine Stelle tritt ein „Museum der Erinnerung“, das den NS-Verbrechen an der Sowjetbevölkerung gewidmet ist.
Die Moskauer Kulturbehörde hat am 20. Februar offiziell verkündet, das Staatliche Museum der Geschichte des Gulag in ein „Museum der Erinnerung“ (Muzej Pamjati) umzuwandeln, das künftig den „Genozid am sowjetischen Volk“ durch das nationalsozialistische Deutschland dokumentieren soll. Die gesamte Gulag-Sammlung wird eingelagert, die bestehende Ausstellung vollständig abgebaut. In der Ankündigung auf dem Moskauer Stadtportal kommt der Name des Gulag-Museums nicht einmal vor.
Das neue Museum soll nach Angaben der Behörde sämtliche Etappen der NS-Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg abbilden, darunter die Blockade Leningrads, biologische Waffentests durch Japan und die „Befreiungsmission der Roten Armee“. Als Grundlage dienen Materialien des staatlichen Projekts „Keine Verjährung“ sowie der russischen Sucherverbewegung. Zu den geplanten Exponaten gehören ein Güterwaggon für den Transport in Vernichtungslager und eine Waage aus einem Konzentrationslager.
Systematische Demontage seit 2024
Die Umwidmung ist der Kulminationspunkt einer Entwicklung, die im November 2024 begann, als das Museum unter Verweis auf angebliche Brandschutzmängel geschlossen wurde, obwohl zuvor mehrere Inspektionen keine Verstöße festgestellt hatten. Im Januar 2025 wurde Langzeitdirektor Roman Romanow entlassen, nachdem er sich geweigert hatte, Abschnitte über sowjetische Staatsgewalt aus einer Ausstellung zu entfernen. Die neue Direktorin Natalja Kalaschnikowa, die zuvor das Festungsmuseum in Smolensk leitete, trägt den Titel einer Kriegsveteranin und besitzt Auszeichnungen für ihre Unterstützung des Krieges gegen die Ukraine.
Das 2001 vom Dissidenten Anton Antonow-Owsejenko gegründete Museum galt als Russlands letzte große Institution zur Aufarbeitung des sowjetischen Lagersystems und erhielt 2021 den Museumspreis des Europarats. Die Sammlung umfasste persönliche Gegenstände ehemaliger Häftlinge, Briefe, Kunstwerke aus den Lagern sowie ein umfangreiches Videoarchiv mit Zeitzeugen-Interviews.
Erinnerung an eigene Verbrechen nicht mehr erwünscht
Die Abschaffung des Gulag-Museums reiht sich in eine Kette geschichtspolitischer Eingriffe ein. Die Menschenrechtsorganisation Memorial, die 2022 den Friedensnobelpreis erhielt, wurde im Februar 2026 als „unerwünschte Organisation“ eingestuft, wodurch jede Zusammenarbeit strafbar wird. Die Gedenkstätte Perm-36, das letzte erhaltene Gulag-Lager im Ural, war bereits 2014 von regionalen Behörden übernommen und im Sinne des Kremls umgestaltet worden, wobei seit 2023 zudem in Moskau, St. Petersburg und anderen Städten Gedenktafeln des Projekts „Letzte Adresse“ systematisch von Hausfassaden entfernt werden.
Die Kunstkritikerin Irina Mak schrieb in den Moscow Times, das Gulag-Museum sei „das einzige Museum im Land gewesen, das sich nicht der Verherrlichung, sondern der Selbstreflexion widmete“. Dass ausgerechnet die Erinnerung an NS-Verbrechen nun dazu dient, die Erinnerung an den sowjetischen Staatsterror zu verdrängen, wirft eine verstörende Frage auf: Werden damit nicht letztlich auch die Opfer des Nationalsozialismus für Moskaus Geschichtspolitik instrumentalisiert?