
Wo die wilden Kerle wohnen
Mit „Animalia. Von Tieren und Menschen“ öffnet die Heidi Horten Collection einen Denkraum, in dem das Tier nicht als Motiv, sondern als epistemische Figur erscheint. Die Ausstellung versammelt Werke, die das Animalische als Projektionsfläche, als Alterität und als Spiegel des Menschlichen verhandeln. Die Vorgängerin der derzeitigen Direktorin Verena Kaspar-Eisert, Dr. Agnes Husslein-Arco, hatte die Idee, Tiere in einer Ausstellung zu präsentieren, da die Gründerin des Museums für ihre Liebe zu Tieren bekannt war. Die Kuratorinnen Véronique Abpurg und Annkathrin Weber haben diese Idee weiterentwickelt und erweitert. Das Ergebnis ist die vorliegende Ausstellung, die rund 90 Werke aus dem 20. und 21. Jahrhundert, darunter 47 Leihgaben, zusammenführt.
Das Tier tritt hier in unterschiedlichen „Aggregatzuständen“ auf: als ikonisches Bild, als deformierte Körperlichkeit, als mythische Chiffre. In der existenziell aufgeladenen Figur von Birgit Jürgenssen oszilliert das Fleisch zwischen Mensch und Kreatur – das Animalische wird zur Zone der Verwundbarkeit („Aesculapnatter“, 1978, Bleistift und Farbstift auf Papier). Und auch in der farbintensiven, ornamentalen Bildwelt von Marc Chagall („L’âne vert“, Der grüne Esel, ca. 1936, Aquarell und Deckweiß auf Papier) erscheint das Tier als poetischer Komplize des Imaginären. Auffällig ist, dass „Animalia“ das Tier nicht naturalistisch fixiert, sondern als kulturelle Konstruktion freilegt. Der Blick ist nie unschuldig; er ist historisch, kolonial, geschlechtlich codiert. In manchen Arbeiten wird das Tier zur Projektionsfläche für Angst und Gewalt, in anderen zum Emblem von Freiheit oder Transzendenz. Diese Ambivalenz ist produktiv. Sie verhindert jede sentimentale Vereinnahmung.
Kuratorisch setzt die Ausstellung auf dialogische Verdichtungen. Werke unterschiedlicher Epochen treten in Resonanz, ohne ihre Differenz zu verlieren. So entsteht ein Spannungsfeld zwischen klassischer Moderne und zeitgenössischer Position, zwischen Mythos und Biopolitik. Das Tier fungiert dabei als Katalysator: Es zwingt dazu, das Verhältnis von Körper, Instinkt und Zivilisation neu zu denken. Nicht zuletzt reflektiert „Animalia“ auch die Bedingungen des Sammelns selbst. Indem das Tier als wiederkehrendes Motiv in der Sammlung sichtbar wird, offenbart sich eine Linie des Begehrens und eine Faszination für das Grenzhafte, das Ungezähmte, das Andere. Die Ausstellung macht diese Linie lesbar, ohne sie zu domestizieren. Sie ist eine Untersuchung über Nähe und Distanz, über Identifikation und Fremdheit. Das Tier erscheint als Gegenüber, das sich nie vollständig aneignen lässt und gerade darin seine ästhetische und ethische Dringlichkeit entfaltet. Natürlich steht der große Bronze-Affe, „Singe Avisé“ (très grand, 2005/2008) von François-Xavier Lalanne, den Heidi Horten so sehr schätzte und den sie als eine Kombination aus Schutzgeist und Glücksbringer auf dem Rasen vor ihrem Haus in Kitzbühel aufgestellt hatte, am Eingang der Räume. Alles in allem ein emotionales und unterhaltsames Ausstellungserlebnis.
Dr. Renée Gadsden hat das Taten & Tatzen: Festival für Kunst, Wissensaustausch und Tierschutz initiiert und geleitet, unter Mitwirkung von Elisabeth von Samsonow, Sabine Scholl, Ruth Mateus-Berr und vielen anderen.
ANIMALIA. Von Tieren und Menschen
27.3. – 30.8.2026
Heidi Horten Collection
Hanuschgasse 3 A-1010 Wien
Tel.: +43-1-5125020
Mo + Mi – So 11 – 19 Uhr, Do 11 – 21 Uhr
Eintritt: 16 €, erm. 9 – 13 €
www.hortencollection.com