Tiefsee als politischer Raum — Julian Charrière im Kunstmuseum Wolfsburg

14.3.2026 – 12.7.2026 | Kunstmuseum Wolfsburg

Julian Charrière Wolfsburg – Fotografisches Kunstwerk: Menschliche Silhouette auf eisblauem Eisberg im grauen Polarmeer, Vögel im Nebel
Julian Charrière, The Blue Fossil. Entropic Stories III, 2013

Vom Medium unseres Werdens

In der großen Halle des Kunstmuseums Wolfsburg eröffnet mit Midnight Zone die bislang größte Einzelausstellung des französisch-schweizerischen Künstlers Julian Charrière (* 1987). Im Mittelpunkt aller Werke des Wahl-Berliners stehen die wechselseitigen Korrelationen zwischen Mensch und Natur. Zentrales Thema der aktuellen Präsentation ist dabei das Wasser – jenes Element, das den größten Teil unserer Erdoberfläche in Form von Ozeanen, Eis oder Seen einnimmt. Wasser stellt für zahlreiche Organismen einen Lebensraum dar, in dem sich geschlossene ökologische Kreisläufe entwickelt haben, die wiederum eine entscheidende Rolle für die Stabilisierung des Klimas spielen.

Unter dem Fachbegriff Midnight Zone, welcher Titel der Ausstellung und zugleich eines Videos des Künstlers von 2025 ist, versteht man in der Meeresforschung jenen vollkommen lichtlosen Bereich ab etwa 1.000 Metern Tiefe – ein submarines Ökosystem, das die vielschichtige Beschaffenheit des Ozeans auf besondere Weise erfahrbar macht.

Vordergründig mit ästhetisch-sinnlicher Strahlkraft finden sich in Charrières faszinierenden Werken auf tiefgründiger Ebene auch stets politische Reminiszenzen: Welche – zumeist negative – Wirkung hat der Mensch auf die Welt des Wassers? Welche Folgen durch Verschmutzung und Ausbeutung der Weltmeere hat unser Handeln? „Wasser ist keine Landschaft – es ist die Voraussetzung allen Lebens, die erste Außenhaut der Erde, das Medium unseres Werdens“, so Julian Charrière.

Sein multidisziplinäres Œuvre, welches Film, Skulptur, Fotografie und Installation umfasst, ist durch immersive Projekte gekennzeichnet, die auf Feldforschungen an ökologisch wie symbolisch aufgeladenen Orten basieren – etwa an Gletschern, Vulkanen, in ehemaligen Atomtestgebieten oder in Tiefsee-Ökosystemen. In der intensiven Auseinandersetzung mit diesen sensiblen Räumen untersucht er, wie menschliches Handeln sich in die Geologie des Planeten einschreibt und dessen Oberflächen, Atmosphären und mögliche Zukünfte nachhaltig verändert.

Seine Arbeiten verknüpfen wissenschaftliche Recherche mit poetisch-intuitiven Ansätzen. Landschaft erscheint dabei zugleich als materieller Prozess, als Gedächtnisspeicher und als Projektionsfläche kultureller Imagination. Statt Umweltkrisen – wie den klimatisch katastrophalen Zustand durch das Abschmelzen von Gletschern und Polkappen – unmittelbar zu illustrieren, eröffnet Charrière Erfahrungsräume, die sowohl Faszination als auch Besorgnis hervorrufen und die Spannungsfelder unserer Gegenwart sinnlich erfahrbar machen. Dabei reflektiert er auch das koloniale und extraktivistische Erbe, das sich in wissenschaftlichen Praktiken, Denk- und Handlungsweisen, in Bildtraditionen von Landschaft sowie in visuellen Technologien eingeschrieben hat. Charrières beeindruckende Arbeiten sind zugleich sinnliche Wissensvermittler von nahezu forensischer Akkuratesse und verweisen mit bittersüßer Anmut immerfort auf die Fragilität unserer Welt.

Dr. Denise Susnja promovierte über künstlerische Polaroid-Fotografie.

Julian Charrière. Midnight Zone
14.3. – 12.7.2026
Kunstmuseum Wolfsburg
Hollerplatz 1
D-38440 Wolfsburg
Tel.: +49-5361-26690
Di – Fr 10 – 18 Uhr, Sa – So 11 – 18 Uhr
Eintritt: 10 €, erm. 5–7 €
www.kunstmuseum.de