Das Kulturhauptstadtjahr Chemnitz 2025 endet mit über zwei Millionen Besuchern und einer positiven Imagebilanz. Doch Kritiker bemängeln, dass die Stadt ihr zentrales Problem – den Rechtsextremismus – zu wenig adressiert hat.
Als am 18. Januar 2025 rund 80.000 Menschen vor dem Karl-Marx-Monument die Eröffnung feierten, demonstrierten 200 Rechtsextreme der „Freien Sachsen“ in unmittelbarer Nähe, und diese Gleichzeitigkeit wurde zum Sinnbild eines Jahres, das zwischen Aufbruch und ungelösten Konflikten changierte. Die offizielle Bilanz fällt dennoch positiv aus: Knapp 2.000 Veranstaltungen lockten mehr als zwei Millionen Gäste in die sächsische Stadt, wobei die Kunstsammlungen Chemnitz mit 230.000 Besuchen eine Steigerung um 280 Prozent verzeichneten und die Munch-Ausstellung „Angst“ allein 84.000 Menschen anzog.
Das Budget wuchs von ursprünglich 90 Millionen Euro auf rund 115 Millionen, wovon 70 Prozent aus Bundes-, Landes- und EU-Mitteln stammten. Die Übernachtungszahlen stiegen um 24 Prozent, während Sachsen insgesamt rückläufige Werte verzeichnete. Eine Befragung der Freien Presse ergab, dass das Image der Stadt bei Besuchern von 3,6 auf 4,5 Punkte stieg, zumal der Anteil derjenigen, die ein negatives Bild mit Chemnitz verbinden, von 54 auf 29 Prozent sank.
Kritik an mangelnder politischer Haltung
Die schärfste Kritik kommt ausgerechnet von Felix Kummer, dessen Band Kraftklub 2018 mit dem Konzert „Wir sind mehr“ die zivilgesellschaftliche Antwort auf die rechtsextremen Ausschreitungen organisiert hatte. Er hätte sich eine klarere Abgrenzung gewünscht, sagte er der dpa zum Abschluss des Jahres, weshalb sich die Band das Projekt anfangs nicht habe zu eigen machen können. Der Deutschlandfunk Kultur urteilte bereits zur Eröffnung, das offizielle Programm sei weitgehend unpolitisch und biete Wohlfühlkunst statt Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Herausforderungen.
Organisatorische Pannen trübten das Bild zusätzlich: Die zehn Millionen Euro teure Hartmannfabrik, das zentrale Besucherzentrum, blieb über Ostern geschlossen, sodass Touristen vor verschlossenen Türen standen. Das Prestigeprojekt „We Parapom!“, das 4.000 Apfelbäume als Parade durch die Stadt vorsah, wurde bereits 2023 abgesagt – statt der angekündigten Tausenden wurden im Oktober 2025 etwa 600 Bäume gepflanzt.
Bleibende Kulturorte und der Purple Path
Das materielle Erbe ist dennoch substanziell. Das NSU-Dokumentationszentrum „Offener Prozess“ eröffnete im Mai 2025 als bundesweit erstes seiner Art und arbeitet auf 1.300 Quadratmetern die Geschichte der Terrorgruppe auf, deren Mitglieder jahrelang in Chemnitz untertauchten. Das Karl Schmidt-Rottluff Haus wurde nach denkmalgerechter Sanierung als sechstes Museum der Kunstsammlungen eröffnet, während in Oelsnitz im Erzgebirge James Turrells monumentale Lichtinstallation „Beyond Horizons“ als einziges dauerhaftes Ganzfeld dieser Größe in Deutschland entstand.
Der Purple Path bildet das Herzstück der regionalen Hinterlassenschaft: Ein Kunst- und Skulpturenpfad mit 65 dauerhaften Werken von Künstlern wie Tony Cragg, Sean Scully und Leiko Ikemura, verteilt auf Chemnitz und 38 Kommunen der Region. Das Freiluftmuseum soll auch nach 2025 weiterwachsen, wobei ein Legacy-Programm bis 2031 die Nachhaltigkeit sichern soll.
Eine MDR-Befragung mit über 13.000 Teilnehmenden zeigt allerdings ein gespaltenes Bild: Während 64 Prozent einen Imagegewinn sehen, glauben nur 42 Prozent an einen langfristigen Nutzen – 43 Prozent bezweifeln ihn. Felix Kummer resümiert nüchtern, man dürfe sich keine Illusionen machen, dass ein Kulturhauptstadtjahr das Ruder herumreißen könne, was die Politik in 30 Jahren versäumt habe. Ob Chemnitz das Narrativ der Ausschreitungen von 2018 langfristig ablegen kann, wird sich erst zeigen, wenn die Scheinwerfer erloschen sind.
