Khorschid und Pelz Ausstellung im Museum Villa Stuck München

15.5.2026 – 8.11.2026 | Museum Villa Stuck

Delschad Numan Khorschid, Das Patriarchat, Kohle auf Papier, 2025

Mehr als ein Leben

Es gibt Ausstellungen, die betreten kein Thema, sondern eine Wunde. „Zehn Leben“ im Museum Villa Stuck gehört dazu. Vom 15. Mai bis 8. November 2026 zeigen Delschad Numan Khorschid und Jan-Hendrik Pelz Arbeiten zu Flucht, Trauma und Sehnsucht. Das klingt zunächst nach einem jener großen Begriffe, mit denen Kulturinstitutionen heute häufig operieren. Doch hier geht es nicht um ein abstraktes Schlagwort, sondern um Bilder, Texte und Erinnerungen, in denen sich einzelne Leben gegen die Zumutungen der Geschichte behaupten.


Delschad Numan Khorschid, Ensemblemitglied des Münchner Residenztheaters, bringt eine Biografie mit, die sich kaum auf die üblichen Formeln der Migrationsdebatte verkürzen lässt. Anfang der 1980er-Jahre im Norden des Irak geboren, gehörte er zur kurdischen Minderheit. Während der Anfal-Operation des Saddam-Regimes verlor er seinen Vater und große Teile seiner Familie. Kurdische Kinder durften keine Schule besuchen, Khorschid blieb staatenlos. Lesen und Schreiben brachte er sich selbst bei. Nach mehr als zweijähriger Flucht kam er 2003 in München an. Erst die Schauspielschule in Berlin wurde die erste Schule seines Lebens. 2016 erhielt er die deutsche Staatsbürgerschaft und damit überhaupt seinen ersten Pass.


In der Villa Stuck verarbeitet Khorschid traumatische Erinnerungen an Flucht und Entwurzelung in Gemälden, Fotografien und Texten. Man darf diese Arbeiten wohl als Versuch verstehen, dem Unsagbaren eine Form zu geben: dem Verlust, der Angst, der Einsamkeit, aber auch der Sehnsucht nach einem Ort, an dem ein Mensch nicht nur geduldet, sondern gesehen wird. Gerade darin liegt die stille Kraft der Ausstellung. Sie verlangt nicht zuerst eine Meinung, sondern Aufmerksamkeit.


Jan-Hendrik Pelz nähert sich dem Thema aus anderer Perspektive. Der 1984 geborene Künstler arbeitet mit Malerei, Installation, Konzept- und Videokunst. In großformatigen, meist fotorealistischen Gemälden und Skulpturen richtet er den Blick auf migrantische Schicksale und die mit ihnen verbundenen Traumata. Wo Khorschid aus eigener Erfahrung spricht, übersetzt Pelz beobachtete und recherchierte Geschichten in Bilder. Das kann heikel sein, aber auch produktiv: Zwei künstlerische Positionen begegnen sich dort, wo persönliche Erinnerung und gesellschaftliche Wahrnehmung aufeinandertreffen.


Natürlich steht „Zehn Leben“ in einem politischen Klima, in dem Migration längst zum Kampfbegriff geworden ist. Kaum ein Wort wird so schnell von Zahlen, Ängsten, Forderungen nach Begrenzung oder gar in purer faschistoider Tradition nach „Remigration“ überlagert. Gerade deshalb ist eine Ausstellung wie diese wichtig, wenn sie den Blick aus der Parole herausführt und auf konkrete Menschen zurücklenkt. Vielleicht wäre ohnehin „Einwanderung“ oft das bessere Wort, weil es nach Strukturen, Verantwortung und Ankommen fragt, nicht nur nach Bewegung über Grenzen. Die Villa Stuck bietet Raum für die Arbeiten von Khorschid und Pelz mit der Einladung, genauer hinzusehen. Warum die Ausstellung „Zehn Leben“ heißt, erklärt sich nicht von selbst. Vielleicht ist das kein Versehen, sondern eine offene Stelle. Denn wer von Flucht erzählt, erzählt selten nur ein Leben: eines vor der Gewalt, eines auf der Flucht, eines im Ankommen, eines in der Erinnerung, eines in der Sprache, eines im Schweigen. Die Zahl wirkt hier weniger wie eine Zählung als wie ein Hinweis darauf, dass eine Biografie nach Verfolgung und Exil aus vielen gebrochenen, neu zusammengesetzten Leben bestehen kann.


Bence Fritzsche ist Chefredakteur der Zeitschrift Atelier.

Zehn Leben. Delschad Numan Khorschid und Jan-Hendrik Pelz
bis zum 8.11.2026
Museum Villa Stuck
Prinzregentenstr. 60
D-81675 München
Tel.: +49-89-233-524812
Di – So 11 – 18 Uhr, Mi 11 – 20 Uhr
Eintritt: 9 €, erm. 5 €
www.villastuck.de