
Terforatorische Papierarbeiten
Das Stipendium für Zeichnung und Papierkunst der Stadt Waiblingen ist eine bedeutende Plattform für Künstlerinnen und Künstler, die mit innovativen Konzepten und außergewöhnlichen Techniken überzeugen. Es wird alle drei Jahre vergeben und in der Galerie Stihl Waiblingen ausgerichtet. Die diesjährige Hauptstipendiatin Angela Glajcar, die bereits international für ihre skulpturalen Papierarbeiten bekannt ist, zeigt dort zwölf ihrer Werkgruppen. Für sie bedeutet die Förderung eine Chance, ihre experimentellen Ansätze weiter zu vertiefen und neue Ausdrucksformen zu erforschen und das Potenzial von Papier in andere Dimensionen zu heben. „Not a cruise, a crossing“ ist der Titel, der metaphorisch für eine Reise steht – eine Überquerung, die nicht nur geografisch, sondern vor allem künstlerisch zu verstehen ist.
Die 1970 in Mainz geborene Künstlerin arbeitet vor allem mit Papier, das sie in großformatige, raumgreifende Skulpturen mit ihren Händen durch Zerreißen verwandelt. Ihre Werke verbinden das fragile Material mit einer beeindruckenden Robustheit und zeigen die Vielseitigkeit des Mediums. Ihre Werke sind kein bloßer Ausdruck von Form, sondern tragen eine tiefere Bedeutung: Sie symbolisieren Übergänge, Kreuzungen und Flüsse – metaphorisch für persönliche, kulturelle oder gesellschaftliche Bewegungen. „Not a cruise, a crossing“ verweist auf den Wunsch, über das Gewohnte hinauszugehen, neue Wege zu beschreiten und dabei die Grenzen zwischen Oberfläche und Tiefe, Zwischenraum und Raum aufzulösen. Die Werke entstehen oft aus einer Vielzahl von Einzelteilen, die sie zu komplexen Gebilden zusammenfügt. Dabei spielt Licht eine entscheidende Rolle: Durch die Filigranität und die offene Struktur entstehen Schatten, die den Raum durchdringen und die Installationen lebendig wirken lassen. Diese Spannung zwischen Zerbrechlichkeit und Stärke macht ihre Werke so faszinierend.
Die Ausstellung in der Galerie Stihl ist so konzipiert, dass die Werke nicht nur isoliert betrachtet werden, sondern als Teil eines dialogischen Raumes. Die Besucher tauchen in eine Welt ein, in der Raum und Material verschmelzen. Die Installationen sind so platziert, dass sie die Betrachter:innen umgeben und ein Gefühl von Bewegung und Übergang vermitteln. Dabei setzt Glajcar die Technik der Papierstaffelungen („Terforationen“, Wortkreation der Künstlerin) ein, um Installationen zu schaffen, die teils an Fels- oder Gletscherformationen erinnern.
„Not a cruise, a crossing“ ist mehr als eine Ausstellung – es ist eine Einladung, den eigenen Blick zu erweitern und die Grenzen des Mediums Papier neu zu denken. Angela Glajcar zeigt, dass Papier nicht nur ein Farb- und Zeichnungsträger ist, sondern ein lebendiger, raumgreifender Werkstoff, der zu beeindruckenden Skulpturen und Installationen transformiert werden kann.
Irini Karamitrou arbeitet und lebt in Köln.
Angela Glajcar. Not a cruise, a crossing
bis zum 18.10.2026
Galerie Stihl Waiblingen
Eva Mayr-Stihl Platz 1
D-71332 Waiblingen
Tel.: +49-7151-5001-1686
Di – So 11 – 18 Uhr, Do 11 – 20 Uhr
Eintritt: 6 €, erm. 4 €
www.galerie-stihl-waiblingen.de