Die Fantasie von der Leine gelassen

2.7. – 16.10.2022 | Schloss Spiez

Otto Tschumi, Komposition, 1941

Der Surrealismus steht für eine Bewegung, die André Breton in den 1920er-Jahren nicht nur in der Kunst ins Rollen brachte. Den Namen Otto Tschumi sucht man bei den Mitgliedern der Surrealistenbewegung allerdings vergebens.

Der Schweizer Künstler Otto Tschumi, dem das Schloss Spiez jetzt eine Ausstellung widmet, war von der surrealistischen Idee fasziniert, schloss sich aber der Bewegung nie an. Seine Werke weichen tatsächlich vom Standard ab, sind aber in der Grundidee klar als surrealistisch zu erkennen. Was die Arbeiten des Malers unterscheidet, der neben Alberto Giacometti, Meret Oppenheim, Serge Brignoni und Max Seligmann zu den bedeutendsten Vertretern des Schweizer Surrealismus gehört, ist deren eigene Personalität.

Otto Tschumi (1904–1985) wurde in Bern geboren. Er schloss seine Lehre zum Schriftenmaler und Lithografen nicht ab und versuchte sich in verschiedenen Berufen. Eine Zeitlang verdiente er seinen Lebensunterhalt als Grafiker. Zwischen 1921 und 1925 besuchte er diverse Kurse an der Gewerbeschule. 1933 heiratete er die in London geborene Tänzerin Beatrice Gutekunst (1901–2000), deren Vater Galerist war.

Zusammen mit seiner Frau ging Tschumi 1936 nach Paris, was die wohl die glücklichste Zeit in seinem Leben war. Hier kam er zum ersten Mal mit der surrealistischen Bewegung in Berührung und lernte Max Ernst, Hans Arp und Salvador Dalí kennen. Er war von deren Arbeiten begeistert. Tschumi, der sich selbst als Autodidakt sah, erfuhr durch diese Künstler eine Unterstützung im eigenen künstlerischen Schaffen, die ihn förmlich beflügelte.

Doch 1940 zogen dunkle deutsche Schatten in Paris auf und der Künstler verließ mit seiner Frau fluchtartig die Stadt. Bern wurde zum neuen Lebensmittelpunkt des Paares. Für eine Ausgabe von Hermann Melvilles „Moby Dick“ schuf er Illustrationen und die Veröffentlichung erfolgte 1942. Zusammen mit dem Maler Willy Guggenheim alias Varlin und dem Bildhauer Robert Müller nahm er 1960 für die Schweiz an der XXX. Biennale in Venedig teil.

Nach der Rückkehr in die alte Heimat entstanden die ersten Selbstporträts, die zu einem Hauptmotiv in seinem Gesamtwerk wurden. Allerdings ging es dem Künstler weniger um den Wiedererkennungswert, sondern vielmehr um das Ausprobieren neuer Techniken, Ideen und Sichtweisen. In der Schau werden rund siebzig Werke des Künstlers gezeigt, die aus seinem Nachlass stammen. Neben den Gemälden werden Kohlezeichnungen, Lithografien und Holzschnitte präsentiert.

Man kann Otto Tschumi durchaus als den anderen Surrealisten bezeichnen. Zwar lassen sich deutliche Hinweise auf seine Idole der Pariser Zeit finden, aber er entwickelte seinen eigenen überbordenden, fantasievollen Stil, der sich bei aller Überzeichnung des Realen dem Auge höchst angenehm gefällig zeigt. Schnell ermöglicht der Künstler dem Betrachter einen Zugang zum Sujet, in dem dieser sich fallen lassen kann. Wieder findet er sich in der Welt des Otto Tschumi, die dem Betrachter höchst vertraut vorkommt. Ein wenig Urlaub vom realen Leben.

Nadja Naumann ist eine Liebhaberin von Dalí, aber Otto Tschumi mit seinem eigenen Stil begeistert sie fast ein wenig mehr.

Otto Tschumi. Surreale Welten
2.7. – 16.10.2022
Schloss Spiez
Schlossstr. 16
CH-3700 Spiez
Tel.: +41-33-6541506
Mo 14 – 18 Uhr, Di – So 10 – 18 Uhr
Eintritt: 16 CHF, erm. 14 CHF
www.schloss-spiez.ch

Text: Nadja Naumann
Bild: Schloss Spiez
Erstveröffentlichung in kunst:art 86