Hexen in der MEWO Kunsthalle in Memmingen

24.2. — 26.5.2024 | MEWO Kunsthalle

Emily Hunt, Alice Kyteler, 2021

Ritt zum Blocksberg und zurück

Seit der Gründung vor fast zwanzig Jahren zeigt die MEWO Kunsthalle in den Räumen des ehemaligen königlich bayrischen Postamtes qualitätvolle Ausstellungen regionaler und internationaler Kunst, zeichnet sich vor allem aber aus durch das Interesse für kulturelle Phänomene breiterer Art. In dieses Umfeld gehört die aktuelle Sonderschau „HEX“, die sich auf verschiedenen Ebenen mit dem Thema der Hexe befasst. Und da hat sich seit den Tagen der Brüder Grimm so einiges getan! Waren dunnemals die Hexen richtig fiese alte Frauen, schon durch Buckel, Warze und Hakennase als sinistres Personal leicht erkennbar, Spezialität das Kinderschlachten, so hat der moderne aufgeklärte Blick in den Hexen eine ganz andere Wahrheit entdeckt.

Treibende Kraft war dabei vor allem der Feminismus, der seit den 1970er-Jahren die europäische Geschichte neu interpretiert aus weiblicher Perspektive und die über Jahrhunderte dauernden brutalen Hexenverfolgungen mit ihrem Höhepunkt im 16. Jahrhundert als gesellschaftlich-strukturelle, mithin patriarchalische, Gewalt gegen Frauen auffasst: Das Zeitalter der verheerenden Pestepidemien in Europa suchte nach Schuldigen und fand sie in den Hexen, die vermeintlich mit dem Bösen im Bunde standen – frühe Form einer typischen Verschwörungsideologie. Die Verdammung und Verfolgung der Hexen verursachte nicht nur ungeheures Leid, es ging damit auch spezifisch weibliches Wissen vom menschlichen Körper verloren. Der besagte Perspektivwechsel war nicht nur ein Anliegen der feministischen Geschichtsschreibung, sondern rief auch Künstlerinnen auf den Plan, die mit der umgedeuteten Figur der Hexe eine ganz besondere Form weiblicher (Wieder-)Ermächtigung fanden und als Kraftquelle ihrer Arbeit nutzbar machten. Dies umso schlüssiger, als tatsächlich die historischen Hexenverfolgungen wesentlich auch eine Schlacht der Bilder gewesen waren.

„HEX“ zeigt jetzt drei zeitgenössische Künstlerinnen, die mit dem Blick auf die Gegenwart aus feministischer Perspektive auf die Hexe schauen. Die Australierin Emily Hunt nimmt dabei unmittelbaren Bezug auf frühneuzeitliche Hexendarstellungen als Werkzeuge der Propaganda – und kehrt sie in ihrer Bedeutung um. Ihre bunten, aus Textilmaterialien und keramischen Elementen mit Goldglanz gebauten Figurinen vermitteln die Anmutung alchimistischer Rituale. In den Ausstellungsraum hinein wirkt eine eigens für die Memminger Kunsthalle geschaffene Wandzeichnung. Stärker gesellschaftlich, zuweilen auch politischer geprägt ist der Ansatz der beiden deutschen Kolleginnen Marleen Rothaus und Tatjana Stürmer. Bei Ersterer sind das konsequenterweise auch oft gar keine autonomen Kunstwerke, für den isolierten ästhetischen Raum gedacht, sondern Banner, die auf Demonstrationen verwendet werden. Vom Zeigen zum Aufruf, so könnte man das Konzept skizzieren. Stürmer interessiert sich für Fragen der Wissensökonomie und nutzt dafür häufig Archive. Ihre multimediale Installation bezieht auch akustisches Material ein.

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HEX
24.2. — 26.5.2024
MEWO Kunsthalle
Bahnhofstr. 1
D–87700 Memmingen
Tel.: +49-8331-850771
Di – So 11 – 17 Uhr
www.mewo-kunsthalle.de

Text: Dieter Begemann
Bild: MEWO Kunsthalle
Erstveröffentlichung in kunst:art 96

Über Dieter Begemann 275 Artikel
Begemanns Blog: Sternschnuppen An dieser Stelle soll es um ästhetische Sternschnuppen gehen und, wie es die Schnuppen so machen, sollen sie hin und her zischen auf manchmal verblüffenden Kursen – kreuz und quer! Ich konnte (und musste zum Glück mich auch nie) entscheiden zwischen praktisch-bildkünstlerischen und theoretischen Interessen: Ich liebe Malerei und Bildhauerei, begeistere mich für Literatur, bin ein Liebhaber von Baukunst und Design –aber meine absolute Leidenschaft gehört der Gestaltung von Gärten und Autos. Und, eh ich’s vergesse: natürlich dem Film!!