
Eine Reise in die Ursprünglichkeit
Wände aus Erde, meterdick und stark duftend, ragen inmitten von Gebäuden auf. Sie haben dort eigentlich nichts zu suchen, machen den Besucher aber dann doch neugierig. Sie überragen ihn, teilen den Raum neu, ändern die Funktion und das Erscheinen des Raums. Sogar der Ton innerhalb des Raums verändert sich. Der Kunstraum, so sind wir es gewohnt, sollte ein WhiteCube sein. Die Erde, säuberlich in architektonische Formen gebracht, irritiert die Sehgewohnheiten.
Delcy Morelos, 1967 in Tierralta in Kolumbien geboren, studierte an der Cartagena School of Fine Arts. Sie lebt und arbeitet in Bogotá. Ursprünglich zeichnete und malte sie, vorzugsweise mit roten Pigmenten auf Papier. Die rote Farbe stand für die Verbindung von Körper und Gewalt, Verletzlichkeit. Über Keramik und Textilien und damit einhergehend eine Entwicklung hin zur dreidimensionalen Arbeit kam sie schließlich zu natürlichen Materialien wie Erde und Pflanzenfasern.
Als ihre erste Erdarbeit gilt „Eva“ (2012), die aber auf dem Weg zu ihren heutigen monumentalen und immersiven Arbeiten noch ganz am Anfang stand. Ihr Beitrag zur Biennale von Venedig 2022 („Earthly Paradise“) war sowohl für ihre Technik und Intention ein Durchbruch als auch für sie ganz persönlich.
Der Begriff „immersiv“ wird zunehmend inflationär verwendet. Bei den Erd-Installationen von Delcy Morelos ist das aber zutreffend. Es ist nicht nur die deutlich sichtbare Veränderung des Raums und die Begehbarkeit ihrer größeren Arbeiten, durch die man quasi ein Teil der Installation wird. Die Erde im Raum verändert auch die Akustik, sie schluckt den Hall der glatten Räume. Außerdem sind die Erdwände auch olfaktorisch präsent, natürlich von der Erde selbst, aber verstärkt wird das noch durch den Einsatz von Kakaopulver, Maniokmehl und Gewürzen wie Zimt und Nelken. Immersiv also hinsichtlich einer Reise für alle Sinne.
Delcy Morelos möchte uns mit ihrer Interpretation von Minimal Art einladen, uns dem Ursprünglichen wieder anzunähern. Erde, die wir im Raum als Störfaktor wahrnehmen, ist das Natürlichste der Welt – und uns doch so fremd! Schon der Geruch von Erde bringt uns dazu, die Hände zu waschen. Und mit der Zusammensetzung der Gerüche, der „Zutaten“, möchte die Künstlerin auch ein Stück weit ihre Heimat und damit auch die Anden dem Betrachter näher bringen. Eine Reise in die Natur, die Ursprünglichkeit und in die Anden.
Delcy Morelos. Madre
11.7.2025 – 25.1.2026
Hamburger Bahnhof
Invalidenstr. 50
D-10557 Berlin
Tel.: +49-30-266424242
Di – Fr 10 – 18 Uhr, Do 10 – 20 Uhr, Sa + So 11 – 18 Uhr
Eintritt: 16 €, erm. 8 €
www.smb.museum
Text: Mathias Fritzsche
Bild: Hamburger Bahnhof
Erstveröffentlichung in kunst:art 104







