
Kraft des Geheimnisvollen
Auf faszinierende Weise verbinden sich gleich mehrere Zeitschichten im Kolumba, dem Kunstmuseum des Erzbistums Köln. Zum einen sind da die Reste der im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstörten Kirchenruine St. Kolumba aus dem 15. Jahrhundert, die ihrerseits mehrere Vorgängerbauten besaß. Zum anderen wird darin Ende der 1940er-Jahre ein Kapellenneubau von dem Architekten Gottfried Böhm errichtet. Und schließlich entsteht der 2007 fertiggestellte Museumsneubau von Peter Zumthor, der die gotischen Rudimente und die Kolumba-Kapelle eindrucksvoll in sein Inneres integriert. Seitdem wird das Haus mit einer groß angelegten Jahresausstellung bespielt. Unter dem Motto make the secrets productive! Kunst in Zeiten der Unvernunft geht es diesmal um kreative Antworten auf eine Gegenwart, die vom Klimawandel, radikalen Deutungsverschiebungen und einer Ausbreitung autokratischer Strukturen geprägt ist.
„Unsere Jahresausstellung versteht sich als Statement für die systemrelevante Dimension der Kunst in einer funktionierenden Demokratie“, heißt es dann auch in der Begleitbroschüre. Einerseits wird in einzelnen Positionen auf aktuelle Problemfelder, andererseits aber auch auf die Freiheit und Macht der Kreativität verwiesen – ganz im Sinne der im Titel der Schau verwendeten Aufforderung von Beuys, gerade das Geheimnisvolle künstlerisch wirksam werden zu lassen.
Doch zu Beginn der Ausstellung erst einmal Ernüchterung: Während man im Windfang dem ramponierten, gähnend leeren „Sicherheitsschrank“ von Felix Droese aus dem Jahr 1986 begegnet, erwarten einen im Foyer „Keine Kunst aber Tatsachen“ vom gleichen Künstler: eine 1987 entstandene Installation mit zwei ölverschmierten Seevögelkadavern in einer Vitrine. Einen durchaus politischen Bezug hat auch die Stahlskulptur „The Drowned and the Saved“ von Richard Serra aus dem Jahr 1992, die sich in der ehemaligen Sakristei befindet und sich auf den Holocaust bezieht. In den Sälen des Neubaus breitet sich dann einiges von der versprochenen „Produktivität der Geheimnisse“ aus, wie zum Beispiel in Duane Michals absurden Fotografien aus den 1970er- und 80er-Jahren oder in Paul Theks „Portable Ocean“ von 1969 – einem meerblauen Spielzeugwagen mit einem Schweifstern aus Holz, der dazu anregt, in neuen Dimensionen zu denken.
Der „Transzendentale Konstruktivismus“ in der gleichnamigen Fotoserie des Künstlerpaars Anna und Bernhard Blume aus den 1990er-Jahren hebt ebenfalls alles Gewohnte aus den Fugen und verleiht Figuren und Dingen ungeahnte Fliehkräfte. Der Wunsch nach der Loslösung von physikalischen Schranken beflügelt schließlich auch die fantasievolle „Fliegende Lokomotive“ von Victoria Bell aus dem Jahr 2005. Dem scheidenden Direktor Stefan Kraus und seinem Team scheint mit dieser Ausstellung tatsächlich Demokratieförderung zu gelingen, indem die Wahrnehmung des Publikums auf neue, ungewohnte Pfade geleitet und Perspektiven geweitet werden.
Julia Behrens ist Kunstjournalistin und hat ihre Doktorarbeit über Künstlerateliers geschrieben.
bis 14.8.2026
<strong>make the secrets productive!</strong>
Kolumba
Kolumbastr. 4
D-50667 Köln
Tel.: +49-221-9331930
Mo + Mi – So 12 – 17 Uhr
Eintritt: 8 €, erm. 5 €
www.kolumba.de