
Der öffentliche Raum als Kunstort
oben: Public Art Focus Year in München
Vordem war die künstlerische Gestaltung des Stadtraums Anliegen des Souveräns, in der Moderne kam seine kommerzielle Besetzung durch die Werbung. Und in den 1970ern demokratisch gemeinte Programme der Kunst im öffentlichen Raum. Ganz im Sinne des Philosophen Walter Benjamin, der in seinem Passagenwerk konstatiert: „Die Straßen sind die Wohnung des Kollektivs. Das Kollektivum ist ein ewig waches, ewig bewegtes Wesen, das zwischen Häuserwänden soviel erlebt, erfährt, erkennt und ersinnt, wie Individuen im Schutz ihrer vier Wände“. Heute ist die Lage freilich entschieden komplex.
Das „Public Art Focus Year“-Projekt 2026 der Landeshauptstadt München bildet die neue Unübersichtlichkeit ab – und nimmt dafür, wohl unvermeidlich, seinerseits einige Unübersichtlichkeit in Kauf. Eine Fülle von Beiträgen, in jedem nur denkbaren Medium wie Ort, rangelt um Aufmerksamkeit. Einige Beispiele: Es finden sich noch herkömmliche, vom Umraum klar abgegrenzte Schauplätze. Im Artothek Pavillon etwa gibt der Fußball ein Stelldichein, wenn Sofia Dona mit ihren „Pitch Invaders“ aus Archivaufnahmen nicht etwa die spannendsten Torszenen, sondern die Erstürmung des Spielfeldes durch Zuschauer zeigt (die so die alte hierarchische Trennung von Aktiven und Passiven kurzerhand aushebeln). Zu (geregelteren) Formen der Teilhabe ruft das Künstlerkollektiv Raumfragen auf, das Plakatwände am Lenbachplatz, also ein erzkommerzielles Medium, unter Einbeziehung der Bewohner des umliegenden Viertels und nach deren Vorlieben neu gestalten will. Orte rechtsradikaler Gewalt zu Erinnerungsorten machen, das hat sich Cana Bilir-Meier vorgenommen, indem sie für „Nach:Leben“ mobile Erinnerungstafeln – auch hier mit Beiträgen von Betroffenen und Überlebenden – ein begehbares Netzwerk bilden lässt.
Ein Künstler, der sich seit je der Erinnerung und ihren dunklen Schatten widmet, ist Gregor Schneider, man denke nur an sein (semi-fiktives) elterliches „Totes Haus ur“. Sein Beitrag zur „Public Art München“ trägt den Titel „Ars Moriendi“, Kunst des Sterbens. Düster, aber nun einmal die unausweichliche Perspektive jedes individuellen Lebenslaufes. Der Künstler initiiert eine Umkehrung, indem er den für gewöhnlich aus dem gesellschaftlichen Leben verbannten Vorgang in gewisser Weise öffentlich macht: Filmbilder von alten Menschen gegen Ende ihres Lebens werden zu sehen sein, ihre Stimmen zu hören. Und es könnte auch irgendwann so sein, dass diese von Schneider aufgezeichneten Stimmen gar keinem Lebenden mehr gehören… Zur „Ars Moriendi“ gab es in der Vormoderne übrigens richtiggehende Handbücher. Puh, da freut man sich doch auf ein wenig fröhliches Planschen im Freibad, was nun allerdings auch zum Schauplatz „gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse“ (hübsche Beschreibung des Streits um den Platz fürs Handtuch) geworden ist, wie man bei Christiane Hubers „Pool People“ verfolgen kann. Ein gutes Ende aber winkt: Ihre Performance soll schließlich in eine allgemeine Pool Party am Beckenrand übergehen.
Dieter Begemann lebt und arbeitet in Norddeutschland.
Public Art München Focus Year 15.5. – 31.12.2026 Kulturreferat der Landeshauptstadt München Burgstr. 4 D-80331 München Tel.: +49-89-2332000 Verschiedene Orte im Stadtraum Eintritt frei www.publicartmuenchen.de