
Der Mensch und der Raum
Ein gedeckter Kaffeetisch, der Kaffee in der Tasse eingetrocknet, als wäre die Tafel vor langer Zeit überstürzt verlassen worden; ein immer dunkler werdender Tunnel, der die Besuchenden Schritt für Schritt jeder Orientierung in Raum und Zeit enthebt; ein alltäglich wirkendes Zimmer, das man verlässt, um hinter der Tür ein exakt identisches Abbild jenes Raumes erneut zu betreten – das Changieren zwischen Anwesenheit und Abwesenheit des Menschen im Raum bildet eine zentrale inhaltliche Achse im Schaffen des Künstlers Gregor Schneider. Menschen erleben Räume, die eine Präsenz menschlicher Existenz zu belegen scheinen und zugleich dem Hier und Jetzt weit entrückt. So mutet alltägliche Banalität plötzlich wie ein Tatort an, standardisierte Raummaße gängiger Wohnarchitektur wirken steril und leer und gerade deshalb beklemmend eng.
Der Nukleus der Schneiderschen Raumerfahrung ist in Mönchengladbach-Rheydt am Niederrhein zu finden, genauer: in der Unterheydener Straße 12. Daraus ergibt sich der Name seines ikonischen Werks „Haus u r“ („U“nterheydener Straße, „R“heydt). Hier steht jenes Elternhaus des Künstlers bis heute, fügt sich unaufgeregt in die Architektur der Umgebung ein, etwas heruntergekommen vielleicht, doch sonst unauffällig. Es lässt weder erahnen, dass in seine Räume teils weitere komplette Räume hineingebaut wurden, die wiederum andere Zimmer unzugänglich machten und für immer verschlossen hielten, noch dass manche Bereiche durch Motoren in langsame, nicht wahrnehmbare Bewegung versetzt werden. Elemente dieses Gebäudes wurden in zahlreiche Ausstellungsräume transferiert und nachgebaut, darunter preisgekrönt 2001 im deutschen Pavillon der Biennale in Venedig.
Dieses bereits seit den 1980er-Jahren wachsende Œuvre wird nun in der Kunsthalle Düsseldorf aus heutiger Perspektive erlebbar: Anlässlich des 40-jährigen Bestehens des Werkkomplexes „Haus u r 1985–heute“ führt die Ausstellung „Haus u r 2026“ gebaute Räume, Skulpturen, Fotografien, Filme und Livestream-Projektionen aus dem „Haus u r“ zusammen.
Auf diese Weise öffnet sich ein räumlicher Parcours durch Alltagsarchitekturen: Von Bade- und Wohnzimmern über Kellerräume und Abstellräume – mittels dieser scheinbaren Normalität erwächst ein Spannungsfeld aus Vertrautem und zugleich Beunruhigendem, aus räumlichen Verschiebungen und Doppelungen. Simultan in Mönchengladbach und Düsseldorf wird deutlich, dass das „Haus u r“ über ein Gebäude hinausgeht und vielmehr als ein System permanenter Transformation zu lesen ist. Besucher erleben konstante Wahrnehmungsunsicherheit, da Realität, Erinnerung und Konstruktion oszillieren.
So öffnet sich in der Kunsthalle Düsseldorf ein diachroner Blick auf vier Jahrzehnte der Kunst Gregor Schneiders. Architektur und Skulptur sowie weitere Reflexionsebenen mittels Videos, Fotos, Livestreams und digitalen Scans verdichten sich zu einem Erfahrungsraum, in dem Präsenz und Absenz des Menschen immer wieder neu ausgelotet werden.
Ninja Elisa Ohls-Felske ist Kunsthistorikerin und freie Kuratorin.
Gregor Schneider. Haus u r 2026
17.10.2026 – 17.1.2027
Kunsthalle Düsseldorf
Grabbeplatz 4
D-40213 Düsseldorf
Tel.: +49-211-54237710
Di – So 11 – 18 Uhr, Do 11 – 21 Uhr
Eintritt: 6 €, erm. 3 €
www.kunsthalle-duesseldorf.de