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Nnena Kalu gewinnt Turner Prize 2025

Turner Prize 2025

Die 59-jährige Bildhauerin Nnena Kalu hat den Turner Prize 2025 gewonnen. Es ist das erste Mal in der 41-jährigen Geschichte des Preises, dass eine Künstlerin mit Lernbehinderung die Auszeichnung erhält.

Die Jury unter dem Vorsitz von Alex Farquharson, Direktor der Tate Britain, würdigte bei der Preisverleihung am Montagabend in der Bradford Grammar School die „kraftvolle Präsenz“ von Kalus Skulpturen und Zeichnungen, wobei insbesondere ihre monumentale Installation bei der Manifesta 15 in Barcelona sowie ihre Arbeiten in der Walker Art Gallery Liverpool hervorgehoben wurden. Der mit 25.000 Pfund dotierte Preis wurde von Steven Frayne überreicht, der als Magier Dynamo bekannt wurde.

Da Kalu aufgrund ihrer Autismus-Spektrum-Störung nur eingeschränkt verbal kommuniziert, sprach Charlotte Hollinshead für sie, die Studioleiterin der Organisation ActionSpace, bei der Kalu seit 1999 als Artist in Residence arbeitet. Hollinshead bezeichnete den Sieg als „seismisch“ und konstatierte, dass eine „sehr hartnäckige gläserne Decke“ durchbrochen worden sei.

„Als Nnena 1999 bei ActionSpace anfing, war die Kunstwelt nicht interessiert“, sagte Hollinshead. „Ihre Arbeit wurde nicht respektiert, nicht gesehen und schon gar nicht als cool angesehen.“

Kokonartige Skulpturen aus recycelten Materialien

Kalu wurde 1966 in Glasgow als Tochter nigerianischer Eltern geboren und lebt heute in London. Ihre künstlerische Praxis unterscheidet sich grundlegend von der typischen Turner-Prize-Laufbahn über Kunsthochschulen und Galerie-Stipendien. Stattdessen entwickelte sie ihr Werk über mehr als zwei Jahrzehnte im geschützten Rahmen von ActionSpace, einer Organisation, die Künstlerinnen und Künstler mit Lernbehinderungen unterstützt und ihnen Atelierräume sowie Produktionsstrukturen zur Verfügung stellt.

Kalus Skulpturen entstehen durch einen repetitiven, fast rituellen Prozess: Sie bindet, wickelt und schichtet recycelte Alltagsgegenstände wie VHS-Bänder, Stoffstreifen und Klebeband um Armaturen, wobei kokonartige, organische Formen entstehen, die Kritiker als „viszeral“ und „körperlich“ beschreiben. Das glänzende VHS-Band verleiht den Arbeiten eine unheimliche, beinahe biologische Präsenz.

Ihre Zeichnungen spiegeln diese Technik in dichten, wirbelnden Linien wider, die durch kreisförmige Bewegungen entstehen. Bekannt ist Kalu dafür, dass sie während der Arbeit laut Disco-Musik hört und die Skulpturen in einer performativen Interaktion mit ihrem eigenen Körper entwickelt.

Favoritensturz bei den Buchmachern

Der Sieg kam für viele Beobachter überraschend, da bis kurz vor der Verleihung der irakisch-geborene Maler Mohammed Sami als Favorit galt. Der Buchmacher William Hill führte Sami mit einer Quote von 5/6, während Kalu bei 2/1 lag. Samis Ausstellung „After the Storm“ im Blenheim Palace war von der Kritik gefeiert worden, und seine Gemälde, die Erinnerungen an Konflikte im Irak thematisieren, passten in den aktuellen Trend politisch aufgeladener figurativer Malerei.

Die weiteren Nominierten waren Rene Matić, deren Arbeit sich mit britischer Identität und Subkultur beschäftigt, sowie Zadie Xa, die koreanische Folklore und Schamanismus mit ökologischen Themen verbindet. Alle drei Shortlist-Künstler erhalten jeweils 10.000 Pfund.

Der Kunstkritiker Eddy Frankel hatte bereits vor der Verleihung argumentiert, Kalu müsse gewinnen, weil sie schlicht die beste Kunst mache. Er kontrastierte ihre Arbeit mit der der anderen Nominierten, deren Werke er als „zu verkopft und überladen“ bezeichnete. Auch Adrian Searle vom Guardian positionierte sich eindeutig: „Es gibt kein Drumherumreden. Sie verdient den Sieg.“

Von der Außenseiterin zur Galeriekünstlerin

Ein entscheidender Faktor für Kalus Wahrnehmung als zeitgenössische Künstlerin ist ihre Vertretung durch die Londoner Galerie Arcadia Missa, die sie 2024 in einer Einzelausstellung und auf der Frieze London präsentierte. Dies platzierte ihre Arbeit direkt im Blickfeld von Sammlern und Institutionen, außerhalb des geschützten Rahmens von Benefiz-Auktionen, in dem Kunst von neurodivergenten Künstlern traditionell gehandelt wurde.

Der Sieg unterscheidet sich auch vom Turner Prize 2021, als das Kollektiv Project Art Works nominiert war. Damals wurde die soziale Praxis der Care-Arbeit gewürdigt, nun jedoch die ästhetische Qualität eines individuellen Werks. Dieser Schritt validiert die These von ActionSpace, dass ihre Künstlerinnen und Künstler keine Therapie erhalten, sondern professionelle Kunst produzieren. Die Ausstellung der vier Nominierten ist noch bis zum 22. Februar 2026 in der Cartwright Hall Art Gallery in Bradford zu sehen.

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