
Gewinner des C/O Berlin Talent Award 2025
In seinem Langzeitprojekt untersucht der in Finnland lebende Künstler Sheung Yiu (* 1991, Hongkong) die Verwendung von Gesichtern als Projektionsflächen für vermeintliche Vorhersagen von Charaktereigenschaften und der Zukunft einer Person in verschiedenen zeitlichen, kulturellen und technologischen Kontexten. Anhand seines eigenen Gesichts zeigt Yiu, wie sich über Jahrhunderte ähnliche Denkmuster wiederholen: das Vertrauen in lesbare Zeichen und das Bedürfnis nach (Zu-)Ordnung sowie die latente Gefahr stereotyper Zuschreibungen. Yiu kombiniert traditionelle ostasiatische Praktiken des Gesichtlesens mit westlichen physiognomischen Theorien und modernen Methoden der computergestützten Gesichtserkennung. Die multimediale Ausstellung vereint Fotografien, Found Footage, Objektinstallationen und ein Videoessay zu einem Konstrukt, das die verschiedenen Dimensionen des Gesichtlesens und der Gesichtserkennung greifbar macht. Ein zentrales Motiv ist das Symbol des Ouroboros – der sich selbst verschlingenden Schlange –, das auch die Raumgestaltung beeinflusst. Der Rundgang selbst wird zur Metapher für zirkuläre Prozesse, die sowohl auf immer wiederkehrende Muster in historischen Glaubenssystemen als auch auf die Feedbackschleifen und Datenströme hinweisen, die maschinelles Lernen und neue Klassifikationen antreiben.
Inspiriert von Aby Warburgs „Bilderatlas Mnemosyne“ oszilliert Yius visuelle Archäologie der Gesichtsanalyse zwischen spiritueller Interpretation, pseudowissenschaftlicher Kategorisierung und technischer Optimierung.
Sheung Yiu. (Inter)faces of Predictions
7.2. – 10.6.2026
C/O Berlin, Amerika-Haus
Täglich 11 – 20 Uhr
Hardenbergstr. 22–24
D-10623 Berlin
Tel.: +49-30-284441662
Eintritt: 12 €, erm. 6 €
www.co-berlin.org