Nur zwei Prozent?

11.10.2019 – 8.3.2020 | Alte Nationalgalerie

Wissen Sie, wie die Gebrüder Grimm ausgesehen haben? Oder Caspar David Friedrich? Wahrscheinlich haben Sie jetzt gerade ein oder zwei Gemälde von Künstlerinnen vor Augen. Ikonisch gewordene Bildnisse dieser Heroen des romantischen Zeitalters stammen von Künstlerinnen. Elisabeth Jerichau-Baumann hat 1855 die beiden Sprachwissenschaftler und Märchenbewahrer gemalt, Caroline Bardua schuf 1810 das Porträt des jungen Friedrich. So geht es der Ausstellung „Kampf um Sichtbarkeit“ natürlich auch nicht um einen Beleg der Selbstverständlichkeit, dass es hervorragende Künstlerinnen gibt. Vielmehr ist sie eine Aufforderung an die Kunstgeschichte, ihre Werke endlich angemessen in den Blick zu nehmen. Denn daran scheitert sie seit Jahrhunderten. Etwa 4.000 Arbeiten aus den Jahren vor 1919 befinden sich in der Sammlung der Alten Nationalgalerie, davon stammen nur etwa zwei Prozent von Frauen. Ab diesem Jahr durften Frauen regulär an der Berliner Kunstakademie studieren. Zwar hat sich auch in den hundert Jahren seither die Präsenz von Künstlerinnen in Sammlungen und damit zusammenhängend im Kunsthandel noch immer nicht normalisiert, doch beschränkt sich die Berliner Ausstellung auf die Zeit vor 1919.

Drei Wege stellt sie heraus, auf denen Frauen mit Kunst Karriere machen konnten. So war es vor allem bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts für Frauen noch möglich, als „Ausnahmetalente“ in ihrer Profession erfolgreich zu sein. Viele Akademien hatten Frauen nicht ausdrücklich ausgeschlossen, sondern in ihren Statuten schlicht nicht erwähnt. Etwa Dorothea Therbusch konnte so in Paris den beruflich bedeutsamen Titel „Peintre du Roi“ erlangen. Auch Caroline Bardua gelang die Karriere als „Ausnahme“-Talent, wie das entsprechende Kapitel in der Alten Nationalgalerie benannt ist. Zumindest in der ersten Phase. Später wurde ihr die fehlende Ausbildung an einer Akademie vorgeworfen und führte zum Ende Ihres Erfolgs.

Einen zweiten Weg, besonders im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts, als die Restriktionen gegen Frauen noch zunahmen, erschlossen sich die „Netzwerkerinnen“ wie Sabine Lepsius. Nicht nur als Gastgeberin eines Salons, in dem Stefan George oder Rainer Maria Rilke verkehrten, nutzte sie ihre Kontakte. Doch sind es vor allem Auftragsporträts, mit denen sie ihr Einkommen verdiente und ihr Talent verbrauchte.

Ein regulärer Weg in den Beruf der Künstlerin führte über die Pariser Akademie, die schon seit 1889 weibliche Studierende annimmt und wo auch Sabine Lepsius zumindest zwei Jahre studierte. Im Ausstellungskapitel „Pariser Freiheiten“ sind es Paula Modersohn-Becker oder Gabriele Münter, die diesen Weg gegangen sind und die zugleich für die jüngste Epoche der Schau stehen.

Der „Kampf um Sichtbarkeit“ geht weiter. Auch in der Alten Nationalgalerie, wo schon 1975 mit der Ausstellung „Deutsche bildende Künstlerinnen von der Goethezeit bis zur Gegenwart“ die erste Künstlerinnenschau der deutschen Museumsgeschichte stattfand. Heute ist das Thema weiterhin erforderlich. Und es hat viel zu wenig Platz. Nur 60 Arbeiten in drei Räumen umfasst die Ausstellung, die zudem auch die Themen Restaurierung und Sammlungsgeschichte unterbringt.

Kampf um Sichtbarkeit. Künstlerinnen der Nationalgalerie vor 1919
11.10.2019 – 8.3.2020
Alte Nationalgalerie
Bodestr.
D-10178 Berlin
Tel.: +49-30-266424242
Eintritt: 10 €, erm. 5 €
Di – So 10 – 18 Uhr, Do 10 – 20 Uhr
www.smb.museum

Text: Jan Bykowski
Bild: Alte Nationalgalerie
Erstveröffentlichung in kunst:art 70