Ein Mensch, zwei unterschiedliche Persönlichkeiten

3.10.2021 – 9.1.2022 | Kunstmuseum Moritzburg

Willi Sitte, Bergung aus Hochwasser, 1958, Foto Falk Wenzel, Halle/Saale

Im Februar dieses Jahres wäre der Maler Willi Sitte 100 Jahre alt geworden. Das Kunstmuseum Moritzburg nimmt dies zum Anlass, den 2013 verstorbenen Künstler mit einer Retrospektive zu ehren. Die letzten großen Ausstellungen fanden zu seinem 60. Geburtstag 1981 in der Staatlichen Galerie Moritzburg in Halle statt und 1986 zum 65. Geburtstag in der Nationalgalerie in Ost-Berlin. Nach der Wende gab es zwar immer wieder Ausstellungen von Willi Sitte, die sich aber mehr auf sein grafisches Werk konzentrierten. Die zu seinem 80. Geburtstag 2001 anberaumte Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg wurde vom Museum verschoben und später vom Künstler selbst abgesagt. 2003 wurde die Willi-Sitte-Stiftung in Merseburg gegründet, die seinen künstlerischen Nachlass beherbergte. 2021 wurde die Stiftung aufgrund finanzieller Probleme aufgelöst.

Der Wunsch Willi Sittes zu Lebzeiten war, dass sein Nachlass im heutigen Kunstmuseum Moritzburg dauerhaft aufgenommen wird. Mit den Erben verständigte man sich im Vorfeld der Retrospektive, in einem ersten Schritt zahlreiche Werke des Künstlers als Dauerleihgabe in die Sammlung des Museums zu übernehmen. Etliche davon sind in der Ausstellung zu sehen.

Willi Sitte wurde in Kratzau (Nordböhmen) geboren. Sein Vater war Bauer und Gründungsmitglied der Tschechoslowakischen Kommunistischen Partei. Sitte studierte ab 1936 an der Kunstschule des nordböhmischen Gewerbemuseums in Reichenberg Textilmusterzeichner. Er ging 1940 auf Empfehlung an die Hermann-Göring-Meisterschule für Malerei in der Eifel. 1941 wurde er an die Ostfront einberufen, weil er Kritik an den dortigen Aufgaben geübt hatte. Die Tschechoslowakei mussten er und seine Familie 1946 wegen der Vertreibung der Deutschen verlassen. 1947 trat er in die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) ein und kam nach Halle. Die Stadt an der Saale sollte zu seiner zweiten Heimat werden. Sitte erhielt 1951 einen Lehrauftrag an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein und wurde 1959 zum Professor berufen. In diesen Jahren zählte der Künstler zu den gegen die Kulturfunktionäre Rebellierenden, was ihm viel Ärger mit der Partei einbrachte. 1961 versuchte er sich zweimal das Leben zu nehmen. 1964 war sein Widerstand gebrochen und er stieg aktiv in die Politik ein. Die hohen Ämter, die er innehatte, machten ihn bis zum Zusammenbruch der DDR zu einem der einflussreichsten Künstler und Kulturpolitiker des Landes. Er allein entschied über den Aufstieg oder Fall eines Künstlers. Diese Vergangenheit belastet bis heute sein Werk und so recht traute sich auch niemand an eine Aufarbeitung heran. Dies soll nun in Zusammenarbeit mit dem Institut für Kulturstudien Dresden in Angriff genommen werden.

Zweifelsohne war Willi Sitte ein Meister seines Faches und davon kann man sich in Halle jetzt überzeugen. Die gezeigten Werke entstanden ab den 1930er Jahren bis 2005 und repräsentieren das Gesamtwerk des Künstlers. Eine späte Würdigung eines Künstlers, der seinen Beruf liebte.

Nadja Naumann ist gebürtige Hallenserin und traf den Künstler persönlich auf einer Ausstellung. Man unterhielt sich über das Zeichnen von Pferden, das Willi Sitte perfekt beherrschte.

 

 

 

Sittes Welt. Die Retrospektive
3.10.2021 – 9.1.2022
Kunstmuseum Moritzburg
Friedemann-Bach-Platz 5
D-06108 Halle (Saale)
Tel.: +49-345-212590
Mo, Di + Do – So 10 – 18 Uhr
Eintritt: 5 €, erm. 3 €
www.kunstmuseum-moritzburg.de

Text: Nadja Naumann
Bild: Kunstmuseum Moritzburg
Erstveröffentlichung in kunst:art 81