
Das Große im Kleinen
Ein Bayrle kommt selten allein. Das gilt nicht nur für seine Ausstellungen – neben der Schirn in Frankfurt zeigt auch das Würzburger Museum im Kulturspeicher eine umfangreiche Schau des inzwischen 88-jährigen Künstlers. Ein wesentliches Prinzip seines umfangreichen Werks ist die Ästhetik des Seriellen. Thomas Bayrle gehört zu den produktivsten und auch interessantesten Künstlern der in den 1960er-Jahren entstandenen Künstlerbewegung Pop-Art, die sich über den Globus ausbreitete.
Wie Andy Warhol bei seinen bekannten Siebdrucken von Campbells Suppendosen gelingt es Thomas Bayrle, der ebenfalls häufig Motive aus der Welt der Konsumgüter wählt, den Blick durch die Serie zu fokussieren. Jedes Mal ist das, was man zu sehen meint, etwas anderes – und das lässt sich nur aus der Nähe erfahren. Eine der frühen Begegnungen war das Bild der Madonna-Mercedes, wo man aus der Ferne glaubte, das weinende Porträt der Heiligen zu sehen. Wenn man jedoch näher kam, erschien die tausendfach modifizierte Frontpartie des begehrten Automobils – ein pars pro toto der großen weltweiten Bewegung der Pop-Art. Als einer der Ersten nutzte er auch digitale Mittel, um seine Bildideen umzusetzen.
Wie Bayrle Jahrzehnte später immer neue Impulse geben kann, zeigt seine gegenwärtige Ausstellung im Museum im Kulturspeicher in Würzburg. Der Künstler, der sich des Öfteren mit der Problematik der Darstellung urbaner und ländlicher Räume auseinandergesetzt hatte, wird hier vom Kurator zur Stadtgeschichte Würzburgs in Beziehung gesetzt. Bekanntlich wurde die Stadt während des Zweiten Weltkrieges fast vollständig zerstört. Der behutsame Wiederaufbau versuchte die historischen Gegebenheiten zu respektieren, sodass die mittelalterliche, labyrinthähnliche Struktur weitestgehend erhalten blieb – was natürlich die durch die Stadt geführten Verkehrsströme erheblich beeinträchtigt. Außerdem liegt die Stadt inmitten einer prosperierenden landwirtschaftlichen Region, die durch die Qualität ihrer Weine bekannt ist.
Also alles Themen, die Thomas Bayrle sehr vertraut sind. Nach seiner Ausbildung als Weber schloss er eine künstlerische Weiterentwicklung an der damaligen Werkkunstschule in Offenbach am Main an. Später war er auch als Verleger von Büchern und Werbeplakaten aktiv. Dies bildete die Grundlage seiner auf dem Seriellen basierten künstlerischen Arbeitsweise: Ein oder zwei Motive werden zigfach wiederholt und erstrecken sich flächendeckend über das Bild, auf dem so zusammengesetzt ein großes Motiv erscheint. So auch beispielsweise im Kloster Eberbach, wo Bayrle im Kreuzgang das Arkadenfenster mit hunderten auf einer Bildfläche abgebildeten Smartphones zu einem Pieta-Motiv geformt hat.
Die Ausstellung thematisiert also nicht nur die Fragen des Stadt-Land-Gefälles, sondern auch die sehr aktuellen Fragen des Lebens und der Mobilität, natürlich umrahmt vom Fluss einerseits und der Unesco-Weltkulturerbe-Residenz andererseits.
Thomas Bayrle. Stadt, Land, alles im Fluss
28.2. – 31.5.2026
Museum im Kulturspeicher Würzburg
Oskar-Laredo-Platz 1, D-97080 Würzburg
Tel.: +49-931-322250
Di 13–18 Uhr, Mi–So 11–18 Uhr
Eintritt: 5 €, erm. 3 €
www.kulturspeicher.de