
Dem Nebensächlichen Aufmerksamkeit schenken
Lars Eidinger, der zu den bekanntesten Schauspielern Deutschlands zählt, hat auch ein ausgeprägtes Gespür für die Kunst der Fotografie. Er fotografiert, was ihm begegnet. Das klingt zunächst nach einem denkbar einfachen Programm. Doch gerade aus dieser Unmittelbarkeit bezieht seine Fotografie ihre Spannung. Die Kunsthalle Tübingen stellt nun Eidingers Arbeiten Werken aus der eigenen Sammlung gegenüber und macht daraus keinen Prominentenbonus, sondern einen erstaunlich ernsthaften Dialog über Wahrnehmung, Alltag und die Frage, wann aus einem beiläufigen Bild Kunst wird.
Eidinger selbst beschreibt das Fotografieren als Reaktion auf einen „vordergründigen Reiz“, dem es um „die Magie des Moments, um Unmittelbarkeit, um Präsenz“ gehe. Seine Fotografien und Videos entstehen intuitiv und werden nicht nachträglich bearbeitet. Das Entscheidende ist dabei nicht das spektakuläre Motiv, sondern die Bereitschaft, dem Nebensächlichen Aufmerksamkeit zu schenken: abgestellte Dinge, Graffiti, bauliche Merkwürdigkeiten, die sich ihren Weg durch den Stadtraum bahnen. Eidinger entwickelt daraus eine Art visuelle Archäologie des Alltags. Besonders überzeugend wird dieser Ansatz dort, wo die Fotografien unmittelbar mit den Sammlungswerken korrespondieren.
Ein Bild aus Tokio von 2023 zeigt eine Frau, die sich spiegelt, ihr eigenes Spiegelbild jedoch nicht wahrnimmt, weil sie auf ihr Smartphone blickt. Der beiläufige Schnappschuss wird zum präzisen Bild einer Gegenwart, in der permanente mediale Präsenz die Selbstwahrnehmung verändert. Daneben steht Ben Willikens’ „Raum A1“ (1978): ein menschenleerer Raum, in dem Abwesenheit beinahe körperlich spürbar wird. Zwei völlig unterschiedliche Bildsprachen treffen sich in einer gemeinsamen Erfahrung von Isolation. Auch Sigmar Polke erweist sich als überraschender Partner.
In „Die Fahrt auf der Unendlichkeitsacht I“ (1969–71) überlagern sich gekritzelte Zeichen, Symbole und Bildfragmente. Polke nahm die Ästhetik des Alltäglichen auf und unterlief damit bewusst die Konventionen der „hohen“ Kunst. Eidingers Fotografien verfolgen einen verwandten Impuls: Auch sie erklären das Vorgefundene nicht, sondern lassen es zunächst einmal gelten. Noch weiter reicht der Dialog mit Jean Dubuffet, dessen „Arabe au Scorpion“ von 1948 ebenfalls in der Ausstellung vertreten ist.
Dubuffets Interesse am vermeintlich Unkultivierten und Unmittelbaren findet bei Eidinger eine zeitgenössische Entsprechung. Besonders reizvoll ist schließlich die Verbindung zu Daniel Spoerris „Variation d’un petit déjeuner“ (1967). Was nach einem Frühstück auf dem Tisch liegen blieb – Gläser, Besteck, Reste – wurde von Spoerri zum Kunstwerk erklärt. Auch hier entsteht Kunst aus dem Vorgefundenen.
Dass Erwin Wurm mit „Lars Departing“ sogar den Körper Eidingers selbst zum Material gemacht hat, verleiht der Ausstellung eine selbstironische Pointe. Wurm deformierte den abgeformten Körper des Schauspielers zu einer absurden Assemblage. Eidinger wiederum schätzt an Wurm gerade dessen Fähigkeit, menschliche Unzulänglichkeiten mit Humor und Selbstkritik zu betrachten.
Stefan Simon weiß als Kunsthistoriker, dass es auch immer auf die Perspektive ankommt.
Lars Eidinger. Present Perfect. Im Dialog mit der Sammlung
10.10.2026 – 28.2.2027
Kunsthalle Tübingen
Philosophenweg 76
D-72076 Tübingen
Tel.: +49-7071-96910
Di – So 11 – 18 Uhr, Do 11 – 19 Uhr
Eintritt: 12 €, erm. 10 €
www.kunsthalle-tuebingen.de