
Die Architektur des Fadens
Anni Albers (geborene Anneliese Fleischmann, 1899–1994) zählt zu den prägendsten Textilkünstlerinnen des 20. Jahrhunderts. In Berlin geboren, begann sie 1922 am Bauhaus in Weimar, wo die Weberei ihr künstlerisches Denken nachhaltig formte. Nach ihrem Diplom 1930 wurde sie stellvertretende Leiterin der Werkstatt. Ihr Ansatz basierte auf der intensiven Auseinandersetzung mit Material und Struktur, wobei sie sich vom Faden leiten ließ. Was an dieser Schau fasziniert, ist die taktile Intelligenz. Anni Albers experimentierte mit Zellophan, Kupferdraht und Chenille. Sie zwang uns, den Stoff nicht als häusliches Accessoire, sondern als architektonisches Element zu begreifen. Im Belvedere wird deutlich, wie sie die vermeintlich „weibliche“ Sphäre der Textilkunst in eine universelle Sprache der Form transformierte.
Nach der Schließung des Bauhauses emigrierte sie 1933 mit ihrem Ehemann, dem Künstler Josef Albers, in die USA. Dort erlangte sie große Anerkennung, unter anderem mit einer Einzelausstellung im MoMA (1949). Am Black Mountain College entwickelte sie innovative Lehrmethoden, die Handwerk, Kunst und Design verbanden. Albers verstand Textilien als Verbindung von Funktion und Kunst und sah diese der Architektur nahe. Sie experimentierte mit ungewöhnlichen Materialien und schuf komplexe Gewebe. Ihre Arbeiten sind Raster, Codes und visuelle Partituren. Diese Ausstellung erinnert uns daran, dass Anni Albers’ Werk heute aktueller denn je ist. In einer digitalen Welt, in der wir ständig „vernetzt“ sind, führen ihre „Pictorial Weavings“ uns zurück zur physischen Realität des Netzwerks.
Anni Albers. Constructing Textiles
30.4. – 16.8.2026
Unteres Belvedere
Täglich 10 – 18 Uhr
Rennweg 6
A-1030 Wien
Tel.: +43-1-795570
Eintritt: 20 €, erm. 16 €
www.belvedere.at