Lovis Corinth Berlin in der Berlinischen Galerie: Kunst der Moderne

9.10.2026 – 25.1.2027 | Berlinische Galerie

Lovis Corinth, Der Neue See im Berliner Tiergarten, 1903

Der Hauptstadtmaler

Hätte man zur Jahrhundertwende 1900 nach dem Zentrum der deutschen Kunst gefragt, der bildenden wie auch der anderen, so hätte die Antwort sicher gelautet: München. Aber die bayrische Landeshauptstadt, die sich seit König Ludwig I. so gern im Glanz der Künste gesonnt hatte, wurde nun immer deutlicher abgehängt von der neuen Reichshauptstadt Berlin.


Ein klares Indiz dafür war Lovis Corinth, der 1900 von der Isar an die Spree zog. Es war die dynamisch sich entwickelnde Metropole, die ihn reizte, ihre Prosperität und Präsentationslust – die immer selbstbewusster werdende Kunstszene. Ungeachtet der konservativen, offiziösen Kräfte stand hier im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit die Berliner Sezession als Hort der Progressiven. Lovis Corinth (1858–1925) wurde sehr bald mit seinem Freund Walter Leistikow, mit Liebermann und Slevogt zur treibenden und prominenten Kraft der Moderne.


Die Berlinische Galerie hat sich diese entscheidende Phase in Corinths Karriere vorgenommen in ihrer Schau „Dann kam Berlin!“. Man kann dabei geschickt anknüpfen an die erfolgreichen monografischen Ausstellungen der letzten Jahre zur Berliner Moderne, wie etwa zu Edvard Munch, Lotte Laserstein oder Max Beckmann.


Nicht zuletzt spielt eine Rolle, dass die Sammlung des Hauses in Kreuzberg einen erheblichen Bestand an Werken des Künstlers ihr Eigen nennen kann. Der enorme künstlerische Aufschwung Corinths nach dem Umzug wird nachvollziehbar, verbunden mit der persönlichen Situation, die der Maler als geradezu triumphal empfand. Denn Corinth erfreute sich inzwischen eines ansehnlichen (und weiter wachsenden) Wohlstands, verkehrte als prägnante und gefeierte Figur in den tonangebenden gesellschaftlichen Kreisen der Hauptstadt, liebte emphatisch die glanzvolle Welt des Theaters, dessen Protagonisten er mehrfach als Freunde (und gut zahlende Porträtkunden) gewann – und fühlte sich auf dem Höhepunkt auch im Privaten und Intimen.


1903 hatte er seine 22 Jahre jüngere, vormalige Schülerin Charlotte Berend geheiratet, deren Schönheit er in so malerisch brillanten wie hinreißend sinnlichen Bildnissen feiern durfte. Selbst ganz alltägliche Szenen erstrahlten im Glanz: etwa die Dame im Gegenlicht am Frisiertisch, deren üppiges, bis zur Hüfte herabhängendes Haar vom hinter ihr stehenden Figaro in Form gebracht wird.


Die alten Niederländer und die modernen französischen Impressionisten hatten sich hier verbunden. So spontan, so ausdrucksstark, wie Corinth Pinsel und Farbe handhabte, das hatte man in Deutschland noch nie gesehen. Der Künstler arbeitete auch für die von ihm so geliebte Bühne, aber die Berliner Erfolgsgeschichte mit ihrer rauschhaften Vitalität fand ein jähes Ende mit einem schweren Schlaganfall 1911.


Corinths Kunst jedoch strahlte aus in die Zukunft: Künstler wie die neuexpressiven Berliner Neuen Wilden, die heftigen Figuren von Georg Baselitz oder, ganz deutlich bis in die Pinselhandschrift sichtbar, der Brite Lucian Freud wären ohne sein Vorbild kaum denkbar.


Dieter Begemann lebt und arbeitet in Norddeutschland.

Lovis Corinth. Dann kam Berlin!
9.10.2026 – 25.1.2027
Berlinische Galerie
Alte Jakobstr. 124–128
D-10969 Berlin
Tel.: +49-30-78902600
Mo + Mi – So 10 – 18 Uhr
Eintritt: 12 €, erm. 7 €
www.berlinischegalerie.de