Begemanns Blog | Kunst, Kohle und Moral

Zaha Hadid | Architektur

Zaha Hadid und ihre Großprojekte für Auftraggeber, die man auch bei großzügiger Einschätzung kaum unter die sprichwörtlich gewordenen „lupenreinen Demokraten“ zählen kann: Die gesellschaftlich-moralische Verantwortung von Architektur ist ein überaus heikles Thema. Es fragte sich aber (und fragt sich noch), ob nicht breiter diskutiert werden müsste im allgemeinen Zusammenhang wirtschaftlicher und politischer Interaktion zwischen Staaten verschiednen politischer und Wertsysteme. Mit anderen Worten, wenn hierzulande als gesellschaftlich fraglos konsensfähig einem Industrieunternehmen zugestanden wird, Autos oder Kraftwerke (beispielsweise) in China (beispielsweise) zu bauen zum Wohle des eigenen Profits, dann kann man wahrscheinlich auch Architekten kaum verargen, ihrerseits die Chancen dieser Märkte wahrzunehmen. Architekten und allemal so erfolgreiche Großbüros wie das von Zaha Hadid sind nun einmal Wirtschaftsunternehmen und agieren entsprechend unternehmerisch.

Wir stoßen hier aber auf eine Sonderkondition der gestaltenden Zunft, die deutlich den Autobau (beispielsweise) unterscheidet von der Baukunst, solang sich diese nämlich als Kunst versteht. Ist Wirtschaft nun einmal eindeutig und fraglos auf Profit ausgerichtet, so impliziert „Kunst“ immer noch ein irgendwie höheres Streben. Und das auch (oder gerade) in Zeiten radikaler Säkularisierung und Verweltlichung, in denen Künste zu Ersatzreligionen aufgestiegen sind. Zwar tragen unsere Museen – warum nennt man sie wohl gerne Musentempel? Die allenfallsige Ironie in diesem Ausdruck ist nur die halbe Wahrheit oder weniger als die halbe – nicht mehr die Widmung „Dem Schönen, Guten, Wahren“ nach Art des 19. Jahrhunderts als Inschrift auf dem Portikus. Aber unsichtbar schwebt sie doch noch in den Hallen, die heilige (Heilige?) Hallen geblieben sind… Die Kunst ist nun einmal eine moralische Anstalt und das geneigte Publikum (dessen technisches Haushaltsequipment selbstverständlich mehrheitlich das Zeichen Made in China trägt) erwartet da, bitte schön!, von seinen Künstlern eine politisch korrekte Haltung! Das Weltbeglückungsprogramm, mit dem die künstlerische Moderne in unzähligen Manifesten angetreten ist, verpflichtet zur Einlösung…

Zu diesem Ansatz gehörte als integraler Bestandteil spätestens seit Jugendstil und Arts and Craft die Gestaltung der gesamten Lebensumgebung. Unter anderen ästhetischen und technischen Prämissen, aber in dieser Stoßrichtung letztlich eng verwandt, kümmerten sich die Bauhausleute um alles von der Fassade bis zum Türdrücker und die Postmoderne tat es ihnen nach. Auch Zaha Hadids Wirkungsbereich endete nicht mit dem Betreten des Foyers.

 

Text: Dieter Begemann

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