JOSEF SCHARL – Maler und Grafiker des Expressionismus

9.4. – 23.7.17 | Haus Opherdicke

Nach der sehr erfolgreichen Conrad Fellixmüller-Ausstellung präsentiert der Kreis Unna nun mit Josef Scharl (1896-1954) einen Künstler, dessen Emigration in die USA im Jahr 1938 einen Wendepunkt im Leben und Wirken des Malers und Grafikers markiert. Mit beeindruckenden Leihgaben aus der Sammlung Karsch/Nierendorf, den Sammlungen Brabant, Bronner und Fiegel wie auch dem Gustav-Lübcke-Museum Hamm und privaten Leihgebern gibt die retrospektive Schau einen Einblick in das facettenreiche Œuvre Josef Scharls. Der thematische Spannungsbogen reicht dabei von sozialkritischen Motiven bis zu Landschaften, Stillleben und Porträts.

Um die Jahrhundertwende in München als zweites von vierzehn Kindern aufgewachsen, absolviert der junge Scharl 1910 zunächst eine Ausbildung an der Malerschule als Dekorationsmaler. Scharl sammelt dort praktische Erfahrungen in der Gemälderestaurierung. Außerdem bildet er sich durch den Besuch von Abendkursen in Aktmalerei weiter, die ihm frühe Orientierung geben. Der Erste Weltkrieg, zu dem Scharl 1915 einberufen wird, stellt eine Zäsur für ihn dar. Er kehrt mit Verwundungen, darunter einer Lähmung des rechten Armes, aus dem Krieg zurück. Durch eine nervenverbindende Operation gelingt es, die Funktionsfähigkeit des Armes wieder herzustellen. Nach der Genesung beginnt Josef Scharl ein Studium an der Kunstakademie München, die er 1924 aber vorzeitig wieder verlässt, um selbstständig zu arbeiten. Erste Reisen führen ihn nach Rom, wo er die Alten Meister sorgfältig studiert. Bereits in den 1920er und 1930er Jahren werden die Werke Josef Scharls zunehmend bekannter. Er schließt sich der „Neuen Münchener Secession“ und der Künstlervereinigung der „Juryfreien“ an und beteiligt sich erfolgreich an deren Ausstellungen.1927 verbringt Scharl mehrere Monate in Berlin. Er lernt Albert Einstein kennen, zu dem sich später eine intensive Freundschaft entwickelt.

1930 wird Josef Scharl der Rom-Preis verliehen, so dass er zwischen 1930 und 1932 in die Metropolen Rom und Paris reisen konnte. In Paris begegnet der Künstler den Werken der Spätimpressionisten. In Anlehnung an die Malerei Paul Cézannes, Vincent van Goghs und Henri Rousseaus entstehen einige Arbeiten zu Studienzwecken. Später finden sich im Schaffen des Künstlers verstärkt die Einflüsse Pablo Picassos wieder, den er sehr bewunderte. Mit der Rückkehr nach München verspürt Scharl den Druck der beginnenden nationalsozialistischen „Kulturpolitik“. Die finanzielle Lage des Künstlers verschlechtert sich dramatisch. Bildverkäufe und Ausstellungs-beteiligungen nehmen ab. 1933, im Jahr der Machtergreifung Hitlers, realisieren die Brüder Karl und Josef Nierendorf in ihrer Berliner Galerie eine Einzelausstellung für Josef Scharl, der 1935 eine weitere folgt. Kurz darauf werden seine Arbeiten von den Nationalsozialisten als „entartet“ gebrandmarkt und der Künstler mit Malverbot belegt.

Auf Einladung des Museums of Modern Art in New York, gemeinsam mit Max Beckmann, Georg Scholz, Erich Heckel und Karl Hofer an einer internationalen Ausstellung teilzunehmen, reist Josef Scharl offiziell in die USA. Tatsächlich bedeutet diese Ausstellung im Ausland allerdings viel mehr: Der Künstler emigriert 1938 ohne Familie nach Amerika – in dem Glauben, dass die nationalsozialistische Schreckensherrschaft in Deutschland nicht mehr lange dauern wird und die Rückkehr in die Heimat nur eine Frage der Zeit ist. Josef Scharl wird jedoch auch nach dem Krieg nie wieder nach Deutschland zurückkehren.

Die Emigration bedeutet für Scharl zugleich eine künstlerische Wende. Sein Stil erscheint farbiger und klarer. Die Bildkomposition seiner Arbeiten wird strukturierter. Besonders die Freundschaft zu dem bereits 1933 ausgewanderten Albert Einstein und der damit verbundene, anregende Gedankenaustausch zwischen dem Nobelpreisträger und dem Maler fließt in die Kunst Josef Scharls ein. Dank der Aktivität der New Yorker Galerie Nierendorf kann der Künstler in den Staaten weitere Ausstellungen realisieren. Er wird allerdings nicht mehr die öffentliche Resonanz erfahren, wie er sie in Deutschland vor 1933 erlebt hat. Ein weiteres Künstlerschicksal, das Opfer des nationalsozialistischen Regimes wurde.

 

Text: Haus Opherdicke | Foto: Haus Opherdicke
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