Mensch versus Miesmuschel. Awst & Walther im Georg Kolbe Museum Berlin

14.10. – 12.11.2017 | Georg Kolbe Museum

Awst & Walther, Horizon, 2014. Foto: PSM Berlin Photo. Credit: Hans-Georg Gaul.

 

von Karolina Wrobel //

 
Wer heute Erholung sucht, meint sie nur in der unberührten Natur zu finden. Und mehr noch: Da der Mensch von und mit der Natur lebt, gehört sie untrennbar zu seiner Existenz. Und doch scheinen wir gerade in der heutigen Zeit von der Natur enthoben zu leben. Die aus Mexiko herantransportierte Avocado gelangt meist erst in der Schweiz in riesigen Reifungsfabriken zur konsumentenfreundlichen Weichheit und wird vom Endverbraucher eher in die Tüte gepackt denn gepflückt. Und was Evolution in Jahrtausenden an Anpassung in der Pflanzenwelt schuf, schafft der Mensch mittlerweile ganz einfach in gentechnischen Laboratorien. Natur, so lehrt uns bisweilen die aristotelische Unterscheidung, meint immer auch ein Konzept. Und das ist heute auch politisch zu begreifen. Denn Natur ist in unserer Zeit vor allem Ressource: Ihre industrielle Ausbeutung bringt wirtschaftlichen Gewinn, aber auch Probleme mit sich. Das zwingt uns dazu, das Konzept von Natur neu zu überdenken. Und damit auch das Verhalten des Menschen.

Denn welches Ausmaß der Eingriff des Menschen in die Natur bisweilen angenommen hat, mag die Kameralinse einer Drohne zeigen: Wenn etwa der Anbau von Miesmuscheln im walisischen Wasserkanal „Menai Strait“ zur Determinanten der Landschaft wird. Die Beziehung zwischen Mensch und Natur untersuchen die walisisch-deutschen Künstler Manon Awst und Benjamin Walther in ihrer ersten Einzelausstellung: Das Georg Kolbe Museum in Berlin zeigt mit  „Be Water II“ die Auseinandersetzung der beiden Künstler mit den Auswirkungen des Raubbaus an der Natur und dessen Konflikt mit sozialen und politischen Strukturen. Manon Awst, die Architektur studierte, und Benjamin Walther, der als Theaterregisseur tätig war, schaffen dabei Räume, in denen die Werte der Gesellschaft kritisch hinterfragt werden. Im Georg Kolbe Museum kreisen sie thematisch um das Thema, welches die Beziehung zwischen dem Menschen und dem Ozean beschreibt.

In der Videoarbeit „Wild Shore“ beleuchten sie die industrielle Nutzung einer Landschaft auf eine künstlerisch-ästhetische Weise, die Bewusstsein über miteinander verbundene Strukturen an die Oberfläche holt. Ähnlich verhält es sich mit der raumgreifenden Installation, welche die Künstler eigens für das historische Bildhaueratelier aus dem Jahr 1928 schaffen. Angelehnt an einen Wellenbrecher, der als Betonarchitektur Ufer und Boote schützt, konstruieren die Künstler zu einer Gitterstruktur montierte Stahlstangen. Ihre lichtdurchlässige Form schafft auch hier Bewusstsein für den Raum und den Ort. Nicht zuletzt laden die Künstler auch ein, sich mit einem neuen Konzept von Natur konfrontieren zu lassen. Das begegnet dem Betrachter nicht im Kolbe-Museum, sondern im öffentlichen Raum unter dem Titel „Be Water I“. Nämlich zwischen zwei Gebäuden am Rosa-Luxemburg-Platz in der Mitte Berlins. Hier bestücken die Künstler im Auftrag des Kunstvereins am Rosa-Luxemburg-Platz eine ganze Fassade mit Schalen von Miesmuscheln und machen damit deutlich, wie die Übermacht eines Lebewesens auch menschliche Spuren zum Verschwinden bringen kann.

 

Text aus der kunst:art 57

 

Awst & Walther – Be Water
14.10. – 12.11.2017, Georg Kolbe Museum
Sensburger Allee 25, D-14055 Berlin
Tel.: +49-30-3042144
täglich 10 – 18 Uhr
Eintritt: 7 €, erm. 5 €
www.georg-kolbe-museum.de

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