Knatter! Bumm! Zisch!

4.4. – 31.8.2019 | Abgeordnetenlobby des Reichstagsgebäudes

Simon Schwartz, Clara Zetkin (in: Das Parlament), 2019

Was waren doch Comics früher verrufen … „Lies doch mal was Ordentliches …“, mussten sich Generationen von Kindern anhören. Zugleich eroberten diese Hefte mehr und mehr auch erwachsene Leser, die auf den neuen Asterix oder Tintin warteten, ja gierten. Still und heimlich gelang ein Siegeszug, der dann mit dem Aufkommen der Graphic Novels besonders in den späten 80er- und den 90er-Jahren noch einmal an Fahrt aufnahm. Der Comic Strip ist erwachsen geworden und gehört gleichzeitig zur Literatur und zur bildenden Kunst.

Simon Schwartz (* 1982) ist ein Vertreter dieser Kunstform, die es in Deutschland schwerer hat als im französischen Sprachraum oder in den Vereinigten Staaten, wo schon die Comics einen ganz anderen Stellenwert hatten. Dennoch gelangen dem in Berlin aufgewachsenen Illustrator bereits zwei beachtliche Erfolge mit seinen Graphic Novels „Drüben!“ (2009) und „Packeis“ (2012), die jeweils wichtige Preise zugesprochen bekamen und sogar ins Französische übersetzt wurden.

Nun hat der Kunstbeirat des Deutschen Bundestags Simon Schwartz den Auftrag über eine Graphic Novel erteilt, in der dieser das Leben von 45 Parlamentariern zwischen 1848 und 1990 erzählt. Gemeinsam ist den ausgewählten Persönlichkeiten ihr Streben nach Demokratie, so unterschiedlich ihre Biografie und politische Ausrichtung auch ansonsten sein mag. Die Kuratorin der nun im Kunstraum des Bundestages stattfindenden Ausstellung, Kristina Volke, betont, dass gerade die Verdichtung auf wenige Persönlichkeiten und wiederum auch ausgewählte Fakten aus dem Leben der Parlamentarier ihren Reiz hat. Es handelt sich eben nicht um eine politische oder wissenschaftliche Abhandlung, sondern um Kunst.

Es ist häufig von der Würde des Hauses, von der Würde des Bundestages die Rede, die nicht verletzt werden darf. Und obwohl ein Stück der Würde weggenommen wird, bedeutet das im Fall des Werkes von Simon Schwartz nun ganz und gar nicht, dass etwas verletzt wird. Im Gegenteil: Der Verlust von Würde kann auch den Verlust von Distanz in die Wege leiten. Die 45 ausgewählten Parlamentarier werden dem Wähler, den Menschen näher gebracht. Der Wegfall von Würde ist hier kein Verlust, sondern ein Gewinn: Menschlichkeit, Empathie, Sympathie und Verständnis können hier mitunter das Ergebnis sein.

Es ist ein großer Gewinn, dass gerade auch das Leben der Parlamentarier dargestellt wird. Denn schon immer war es ein beliebtes Konstrukt, von „denen da oben“ zu sprechen, wenn einem etwas nicht passt. Dabei wird zu oft vergessen, dass unsere Parlamentarier auch ein Leben vor und neben ihrem Mandat hatten und haben.

Simon Schwartz zeigt uns auf seine künstlerische Art, dass in unserem Parlament Menschen sitzen, die ganz unterschiedlich sind. Sie unterscheiden sich in Herkunft, Beruf, Privatleben, in ihren politischen Ansichten und in vielem mehr. Die meisten allerdings ringen miteinander um ein politisches Allgemeinwesen, das demokratisch ist und Minderheiten berücksichtigt und schützt.

Simon Schwartz. Das Parlament
4.4. – 31.8.2019
Abgeordnetenlobby des Reichstagsgebäudes
Platz der Republik 1
D-11011 Berlin
Nur im Rahmen von Führungen zu besichtigen.
Eintritt frei
www.kunst-im-bundestag.de

Text: Mathias Fritzsche
Bild: Abgeordnetenlobby des Reichstagsgebäudes
Erstveröffentlichung in kunst:art 67

Über Mathias Fritzsche 61 Artikel
Ein Thema jagt das nächste: Der Wochengipfel hält ein oder zwei Themen fest und bringt sie in Erinnerung. Was war vergangene Woche so wichtig, dass man Schnappatmung bekam und ist diese Woche dennoch schon vergessen? Oder über welche Nachricht hat man sich so gefreut, dass man auf den Balkon ging und die Nachricht für die ganze Welt in den Abendhimmel geschrien hat?