Der Traum vom Fliegen

28.9.2019 – 8.3.2020 | Museum LA8

Melli Beese am Steuer ihrer Rumpler-Taube in Berlin, Johannisthal, um 1911 (ullstein bild)

Der Traum vom Fliegen – ist vermutlich der einzige Traum, der nach seiner Realisierung im 19. Jahrhundert durch Otto Lilienthal seine Faszination nie verloren hat. Alleine das macht schon neugierig und deshalb lohnt es, dieses Phänomen genauer zu betrachten. Das Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts hat sich diesem Thema angenommen. Entstanden ist eine interessante Ausstellung, die Unbekanntes an den Tag bringt – über die Geschichte des Fliegens und über die Künstler, die dem Thema zu jener Zeit ihre Aufmerksamkeit widmeten.

Die Gründe für das genannte Phänomen können vielfältig sein. Wird das Fliegen ganz nach Freud als eine Art Machtfantasie ausgelebt? Geht es um die Wehrhaftigkeit, also um militärische Stärke? Oder sind es ökonomische, oder gar dromologische Gründe? Prof. Winzen, der Leiter des Hauses, geht einer anderen Idee nach. In der Mythologie liegen die Götter in der Luft, auf der Wolke, und gleiten im Liegen dahin, genau wie die Vögel. Das Fliegen gibt Bewegung und Stillstand im selben Moment – ein Paradoxon.

Mit Lilienthals erstem Flug treffen Vorstellung und Realität aufeinander. Bisher war der Himmel der Kunst vorbehalten, aber auch Künstler unterliegen dem Zauber der Fliegerei: Georg Kolbe machte den Flugschein, Arnold Böcklin konstruierte sogar Flugzeuge, war aber weniger erfolgreich damit. Während die Kunstwelt im 19. Jahrhundert das Fliegen zumeist noch mythologisch interpretiert, wie bei Francisco de Goya oder Hans Thomas, lassen sich manche Künstler gerne mit der/auf die Realität ein. Der religiöse Aberglaube an die schwere Luft scheint überholt. Künstlertum und Techniker gibt es in Personalunion. So trafen sich Böcklin und Lilienthal, der selbst als Theatermann eine kreative Ader hatte, jedoch sein Geld mit Dampfmaschinen und Kinderspielzeug verdiente.

Etwa zeitgleich wurde die Fotografie erfunden. Fliegerei und Fotografie scheinen voneinander zu profitieren. Daumier zeichnete Nadar, wie er über Paris fliegend fotografiert. Melly Beese ist die erste deutsche Frau, die einen privaten Flugschein macht, Flugrekorde aufstellt, selbst später Flugzeuge konstruiert und eine Flugschule betreibt. Sie ist heute vergessen, war aber damals eine weibliche Schlüsselfigur in der Männerdomäne. Vorgestellt wird auch Robert Martin Eldner. Eigentlich Röntgeningenieur, nutzt er im ersten Weltkrieg als Pilot die Fotografie, um Röntgenbilder vom feindlichen Lager zu machen. Der Blick von oben kann nun auch auf verschiedene Weise festgehalten werden.

Die Schau zeigt neben Fotografien von Beese, Kolbe oder Lilienthal eine Auswahl an Kunstwerken von Francisco de Goya, Honoré Daumier, Arnold Böcklin, Hans Thoma und Georg Kolbe. Zudem gibt es Maschinen, Modelle, Pläne und Flugapparate aus dem Zeitalter zu sehen. Die Fragilität der Objekte macht dem Betrachter bewusst, wie experimentell die Fliegerei damals war. Die Ergebnisse der vorangegangen Recherche und einer Tagung zum Thema werden in einem Katalog zusammengefasst, der somit nicht nur ein Bild- sondern auch ein Leseband ist.

 

Die Welt von oben. Der Traum vom Fliegen im 19. Jahrhundert
28.9.2019 – 8.3.2020
Museum LA8
Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts –
Lichtentaler Allee 8
D-76530 Baden-Baden
Tel.: +49-7221-5007960
Di – So 11 – 18 Uhr
Eintritt: 7 €, erm. 5 €
www.la8.de

Text: Liane Wendt
Bild: Museum LA8
Erstveröffentlichung in kunst:art 69