Fest einer Wiederentdeckung

5.11.2021 – 20.2.2022 | Saarlandmuseum

Lovis Corinth, Mädchen mit Stier, 1902, Hamburger Kunsthalle, bpk. Foto Elke Walford

Charlotte Berend-Corinth (1880–1967) besaß unglaublich viel Energie. Sie war Muse, Modell und Ehefrau von Lovis Corinth (1858–1925), Mutter der gemeinsamen Kinder und zeit ihres Lebens professionelle Künstlerin. Sie hatte an der Staatlichen Kunstschule Berlin studiert, bevor sie 1901 in die neu gegründete, private Malschule von Corinth eintrat, und stellte während ihrer Ehe regelmäßig in der Berliner Secession aus. Dort wurde sie von vornehmlich männlichen Kollegen und Kritikern, aber auch von Größen wie Else Lasker-Schüler für ihre mutigen und einfühlsamen Arbeiten sowie für die motivische und stilistische Unabhängigkeit gegenüber ihrem Mann gelobt. Nach dem Tod des berühmten Impressionisten kümmerte sie sich um dessen Nachlass und Vermächtnis, organisierte Gedächtnisschauen und verfasste über drei Dekaden hinweg sein Werkverzeichnis. Parallel dazu verfolgte Berend-Corinth ihren eigenen beruflichen Weg, hielt sich in den 1930er Jahren viel in Italien auf, emigrierte als Jüdin 1939 in die USA und wurde dort häufig ausgestellt.

Weil sie nach ihrem Tod als Malerin weitgehend in Vergessenheit geriet, widmet ihr das Saarlandmuseum anlässlich der großen Schau „Lovis Corinth – Das Leben ist ein Fest!“ jetzt die Retrospektive „Charlotte Berend-Corinth – Wiederentdeckt!“.

Die Ausstellungen sind in der Modernen Galerie des Saarbrücker Hauses in jeweils eigenen Bereichen des Erdgeschosses zu sehen. Gleichzeitig aber gibt es durch die Symbiose von Kunst und Leben, die für die beiden beliebten und illustren Akteure der Berliner Avantgarde kennzeichnend war, enge, vor allem biografische Verflechtungen mit dem Werk des jeweils anderen. So taucht Charlotte Berend-Corinth in mehreren der mit temperamentvollem Pinselstrich verfassten Gemälde ihres Gatten auf und ist dadurch in der Schau Corinths, die in Kooperation mit dem Belvedere in Wien entstanden ist, allgegenwärtig.

Lovis Corinth war für seine „Malwut“ bekannt und brachte sein unmittelbares, visuelles Erleben vor dem Motiv als Licht- und Farbfeuerwerk auf die Leinwand. Dabei geriet nicht nur die Familie, sondern auch die eigene Wenigkeit ins Blickfeld. Häufig synchronisierte er Lebensfreude mit Melancholie, etwas, das in seinen mehrfigurigen Kompositionen oder in den späten Landschaften vom Walchensee ebenfalls spürbar wird.

Auch die Arbeiten von Charlotte Berend-Corinth sind von großer Virtuosität und Lebendigkeit, dafür aber in sich geschlossener und naturalistischer als die Corinths. Viele ihre frühen Werke gelten heute als verschollen, unter anderem das Gemälde „Die schwere Stunde“ einer an Geburtswehen leidenden Frau, mit der die Künstlerin 1908 in der Secession für Furore sorgte. Erfolgreich verlegte sie sich einige Zeit später auf wichtige Figuren des Berliner Theaters, die sie in Lithographien und Ölbildern festhielt. In den USA faszinierten sie Landschaften, wie die Südküste Kaliforniens, für die sie im Aquarell den idealen Ausdruck fand.

Julia Behrens ist Kunstjournalistin und hat ihre Doktorarbeit über Künstlerateliers geschrieben.

 

 

Lovis Corinth. Das Leben, ein Fest!
Charlotte Berend-Corinth. Wiederentdeckt!
5.11.2021 – 20.2.2022
Saarlandmuseum
Moderne Galerie
Bismarckstr. 11-15
D-66111 Saarbrücken
Di – So 10 – 18 Uhr, Mi 10 – 20 Uhr
Eintritt: 7 €, erm. 5 €
www.modernegalerie.org

Text: Julia Behrens
Bild: Saarlandmuseum
Erstveröffentlichung in kunst:art 82