Die Kultur als Schlachtfeld der gesellschaftlichen Auseinandersetzung

Es gab Zeiten, in denen Politiker Bilder von der Wand nahmen und zerrissen (1976, Jenninger zerstört ein Plakat von Klaus Staeck). Zeiten also, in denen eine noch viel konservativere Gesellschaft auf eine Kultur und Kunst stieß, die noch viel linker und progressiver war, als sie es heute in ihrer Mehrheit ist. Man darf durchaus davon sprechen, dass große Teile der deutschen Gesellschaft die Kunstszene in den 1960er- und 1970er-Jahren als Provokation empfunden haben.

Doch von den 1970er-Jahren ausgehend bis in die heutige Zeit hinein hat sich in Deutschland etwas fundamental gewandelt. Kunst und Gesellschaft sind aufeinander zugegangen: Während die Gesellschaft toleranter, offener, liberaler und möglicherweise sogar ein wenig linker geworden ist, ist auch ein Großteil der Kunstszene auf die Mitte der Gesellschaft zugegangen, wenngleich von der linken Seite kommend. Viele Jahre nahm man Kunst nicht mehr als Provokation wahr, sondern scherte sich mehr darum, wie teuer ein Kunstwerk wohl ist. In der Außenpolitik nennt man das „Wandel durch Handel“, in der Innenpolitik war das sogar erfolgreich!

Doch in den letzten Jahren wird das Bild rissig. Kunst, die sich selbst so gerne zwar als progressiv, nicht aber als politisch wahrgenommen hat und überhaupt aus dem alten Rechts-Links-Denken ausscheren wollte, ist wieder politisch gefragt.
Mit einer neuen Partei rechtsaußen auf der politischen Skala kam eine Variable ins Spiel, die Kultur als Kampfbegriff versteht. So soll Kultur in einer anderen Gesellschaft, in einer sehr konservativen Gesellschaft, eine andere Rolle spielen. Es geht um Leitkultur und um die Betonung der Tradition, gegen Linkes und Multikulturelles in Kunst und Kultur. Damit sind alte, fast vergessene Konflikte wieder aufgebrochen. Ein Vitaminschub für das Progressive in der Kunst!

Gleichzeitig, und zwar unabhängig in der Kausalität, bewegt sich auch kulturell einiges. So wird das Gendern in Sprache und Schrift immer weiter verbreitet. Waren es zunächst wenige, die sich für dieses Thema überhaupt interessierten, so kamen zuletzt auch immer mehr Moderatorinnen und Moderatoren hinzu, die auch im Fernsehen ganz offiziell Formen des Genderns hörbar benutzten. Die Sprache an sich, die sich fortlaufend verändert, wird zum kulturellen Schlachtfeld. Während die einen ganz bewusst gendern, verteufeln es die anderen als kulturlos.

Ein weiteres Konfliktfeld ist wiederum die Literatur. Ältere Werke, die Wörter verwenden, die nicht mehr zeitgemäß weil diskriminierend sind, werden umgearbeitet. Es gibt Diskussionen um andere Werke, die sich aus einer Sicht des 19. Jahrhunderts mit indigenen Völkern beschäftigen, ob diese geeignete Literatur für Heranwachsende seien. Auf der anderen Seite ein empörter Aufschrei, dass aus dem Zeitgeist heraus in die Kultur und Literatur eingegriffen werden soll.

Das gleiche Spiel beim Sturz der Denkmäler: Sollen Menschen, die vor hundert Jahren gelebt haben und Rassisten, Antidemokraten, Sklavenhalter oder Kolonialisten waren, fortlaufend in unseren Straßen geehrt werden? Soll, um es ganz konkret zu machen, ein Mensch wie Otto von Bismarck in unseren Straßen geehrt werden? Ein Konflikt zwischen bürgerlichen und progressiven Kräften, der alte Fronten aus den 1960er-Jahren wiederauferstehen lässt.

Das „Zentrum für politische Schönheit“ ist als politisches Künstlerkollektiv zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung so etwas wie die Speerspitze der progressiven Künstlerschaft. Es zeigt regelmäßig mit zwar umstrittenen, aber äußerst öffentlichkeitswirksamen Aktionen, dass die Kunst auch in den 2020ern sich gegen eine Politik wehren kann, die verfassungsfeindlich ist. Kunst und Künstler sind dem nicht ausgeliefert, auch wenn es über viele Jahre so schien.

Ganz neu zeigt die „Letzte Generation“, deren Mitwirkende selbst aber meist keine Künstler sind, dass Kunst auch polarisieren und aufscheuchen kann. Die Wellen schlagen noch mal höher, wenn sich junge Menschen an alte Meister kleben, als wenn sie sich auf der Straße festkleben, um Autos zu behindern. Der Aufschrei kunstinteressierter Menschen und auch derer, die mit Kunst sonst nichts zu tun haben, war riesig. Und dabei wurde kein Bild zerstört und nur ein Rahmen wurde leicht beschädigt!

War es also mehr als dreißig Jahre sehr ruhig zwischen Kunst und Politik, spielte also mehr als dreißig Jahre lang die Kunst als gesellschaftlich-progressiver Motor eine Nebenrolle, so ist sie nun teils durch eigenes Tun, teils von außen wieder zu einem Schlachtfeld der politischen Auseinandersetzung zwischen Progressiven und Konservativen geworden. Auch wenn das vielen nicht gefallen mag, so denke ich, dass das Gesellschaft und Kunst nur guttun kann!

Text: Mathias Fritzsche

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Ein Thema jagt das nächste: Der Wochengipfel hält ein oder zwei Themen fest und bringt sie in Erinnerung. Was war vergangene Woche so wichtig, dass man Schnappatmung bekam und ist diese Woche dennoch schon vergessen? Oder über welche Nachricht hat man sich so gefreut, dass man auf den Balkon ging und die Nachricht für die ganze Welt in den Abendhimmel geschrien hat?