
Von Wurzeln und anderen Zweigen
Sind Sie gut vernetzt? Fühlen Sie sich verbunden? Beide Fragen scheinen durchaus unterschiedliche Zusammenhänge anzusprechen, einmal auf einer eher technisch-ökonomischen, einmal eher auf einer menschlichen Ebene. In beiden Fällen handelt es sich aber um soziale oder auch biografische Beziehungen, deren Ähnlichkeit vielleicht nicht immer ganz offensichtlich ist. Dass lange vor den Menschen beide Bedeutungsebenen bereits im Baum und in seinem sozialen Netz, dem Wald, vorhanden waren und funktioniert haben, dass also der Baum ein perfektes Symbol auch für das menschliche Zusammenleben und -wirken ist, darauf hat nicht erst Peter Wohlleben mit seinen populären Beschreibungen der Mechanismen, nach denen Bäume funktionieren und miteinander interagieren, hingewiesen; sein Buch „Das geheime Leben der Bäume“ ist bereits auf dem Weg vom Bestseller zum Klassiker.
Das Symbol ist älter und ist in unterschiedlichen Kulturtraditionen zu fin-den, und es ist auch in der zeitgenössischen Kunst gegenwärtig. Fünf dieser zeitgenössischen Positionen bilden in der Draiflessen Collection die Ausstellung „Verwurzelt und verzweigt“. Die Norwegerin Karoline Hjorth zusammen mit der Finnin Riitta Ikonen etwa finden in ihrem fotografischen Projekt „Eyes as Big as Plates” einen humorvollen Zugang zu einem der ernstesten Probleme unserer Zeit. Die Abgrenzung nach Religion oder Nation ist ihnen schon als internationalem Künstlergespann fremd. Ihre Werke scheinen zunächst fast drollig in einer eigenen Naivität. Arglos scheinen die Protagonisten in ihren Bildern mitten in der Natur und mit ihr verbunden nicht mit dem Blick der Künstlerinnen und der Betrachtenden gerechnet zu haben. In ihrer selbstverständlichen Verbundenheit mit ihrer Umgebung, in die sie mehr oder weniger einzuschmelzen scheinen, sehen sie aber aus, als hätten sie ihren Platz gefunden.
Der tschechische Bildhauer Krištof Kintera wählt dagegen einen Ansatz ohne Menschen. Technische Bauteile und -pläne begegnen den Betrachtenden hier in Gestalt scheinbar natürlicher Gewächse. Wie weit die Analogien, die an einem Baum anschaulich werden, auch für die naturwissenschaftliche Beschreibung von Menschen gültig sind, zeigen die Arbeiten von Diana Scheer. Handelt es sich bei ihren Bildern tatsächlich um Pflanzen, deren wachsende Strukturen sie als darstellendes Mittel verwendet, oder um neuronale Vernetzungen, nach denen ein Gehirn funktioniert und die schließlich die Grundlage von Bewusstsein bilden? Das kann dem Betrachter angesichts ihrer Werke zuweilen unklar werden.
Mit wissenschaftlichen Modellen und ihrer Uneindeutigkeit, durch die sie sich von Fundamentalismen unterscheiden, arbeitet auch Jenny Michel. Ihr Material wie etwa Diagramme und Lexika scheint die Definition von Eindeutigkeit zu liefern. In ihren Arbeiten aber nimmt sie diese Objekte physisch auseinander und lässt uns mit der Notwendigkeit einer neuen Lesart mit ihnen zurück. Verwurzelt und verzweigt sind eben nicht nur die Menschen in ihren sozialen Netzen, aus und in denen sie gewachsen sind.
Christian Hofmann lebt und arbeitet im Rheinland.
Verwurzelt und verzweigt
04.05. – 17.8.2025
Draiflessen Collection
Georgstr. 18
D-49497 Mettingen
Tel.: +49-5452-91683500
Mi – So 11 – 17 Uhr
Eintritt: 9 €, erm. 6 €
www.draiflessen.com
Text: Christian Hofmann
Bild: Draiflessen Collection
Erstveröffentlichung in kunst:art 104