Grüner Canal Grande: Wenn Klimaprotest auf Kunstgeschichte trifft

Greta Thunberg und Extinction Rebellion haben den Canal Grande leuchtend grün gefärbt. Die Protestaktion vom 22. November folgt einer kunsthistorischen Spur, die 57 Jahre zurückreicht.

Am Samstagmittag kippten 37 Aktivisten der Klimabewegung Extinction Rebellion den Fluoreszenzfarbstoff Fluorescein von der Rialto-Brücke in den Canal Grande, wobei die 22-jährige Greta Thunberg persönlich beteiligt war und das leuchtend grüne Pulver selbst ins Wasser schüttete. Die Aktion richtete sich gegen Italiens Klimapolitik bei der UN-Konferenz COP30 in Belém, zumal die Regierung zu jenen Ländern gehört habe, die ambitionierte Maßnahmen zum Ausstieg aus fossilen Brennstoffen blockierten, wie XR-Sprecherin Paola erklärte. Parallel färbten Aktivisten in neun weiteren italienischen Städten Gewässer grün, darunter den Po in Turin, den Reno in Bologna und das historische Hafenbecken La Cala in Palermo.

Die venezianischen Behörden verhängten gegen alle Beteiligten ein 48-Stunden-Aufenthaltsverbot sowie Geldbußen von je 150 Euro, während Umweltstrafen ausblieben, da der verwendete Farbstoff als unbedenklich gilt. Fluorescein, das unter dem Handelsnamen Uranin bekannt ist und auf der WHO-Liste essentieller Medikamente steht, wird routinemäßig in der Augenheilkunde eingesetzt und zersetzt sich unter Sonnenlicht innerhalb weniger Tage biologisch ab. Die Färbewirkung ist dennoch immens: Bereits zehn Gramm des Stoffes reichen aus, um 100 Kubikmeter Wasser sichtbar grün zu färben, da die Substanz blaues Licht absorbiert und als intensives Grün bei einer Wellenlänge von 512 Nanometern wieder abgibt.

Eine Geste mit Vorgeschichte

Die Wahl des Canal Grande und die Methode sind keineswegs zufällig, wenngleich Extinction Rebellion die kunsthistorische Verbindung nicht explizit kommuniziert. Der argentinische Künstler Nicolás García Uriburu färbte am 19. Juni 1968 während der Biennale di Venezia exakt denselben Kanal grün, indem er gemeinsam mit einem Gondolier 30 Kilogramm Fluorescein über die gesamten drei Kilometer des Canal Grande verteilte. Die Polizei verhaftete Uriburu zunächst unter Terrorismusverdacht auf der Piazza San Marco, ließ ihn jedoch nach Prüfung der Ungiftigkeit wieder frei.

Uriburus klandestine Guerilla-Intervention gilt heute als Pionierleistung der Ecological Art und eines der frühesten Werke der Land Art, wobei der Künstler in seinem „Grünen Manifest“ formulierte, er prangere mit seiner Kunst den Antagonismus zwischen Natur und Zivilisation an. Die grüne Färbung sollte einerseits eine „natürlichere“ Farbe in die Stadt zurückbringen, andererseits menschliche Aktivitäten anklagen, die Natur in ein nutzloses Artefakt verwandeln. Uriburu wiederholte seine Fluorescein-Aktionen in den Folgejahren international: 1970 färbte er den East River in New York, die Seine in Paris und den Riachuelo in Buenos Aires, während er 1981 gemeinsam mit Joseph Beuys den Rhein bei Düsseldorf grün färbte.

Der dänisch-isländische Künstler Olafur Eliasson schuf zwischen 1998 und 2001 seine Green River Serie mit unangekündigten Fluorescein-Färbungen in Bremen, Moss, Los Angeles, Stockholm und Tokio, wobei er erst nach seiner ersten Intervention von Uriburus Werk erfuhr. Anders als Uriburus explizit ökologischer Aktivismus zielte Eliasson primär auf die Veränderung der Wahrnehmung urbaner Räume, während die technische Methode identisch blieb.

Zwischen Symbolik und Sanktion

Gouverneur Luca Zaia verurteilte die Aktion als respektlose Geste gegenüber Venedigs kulturellem Erbe und kritisierte Thunberg persönlich, sie ziele offensichtlich mehr darauf ab, sich selbst sichtbar zu machen, als das Umweltbewusstsein zu schärfen.

Die Aktion vom 22. November war bereits die dritte dokumentierte Extinction-Rebellion-Färbung des Canal Grande seit Dezember 2023, wobei die Entwicklung eine Eskalation der Sichtbarkeit zeigt: von fünf auf zehn beteiligte Städte, von anonymen Aktivisten zur international bekannten Klimaikone. Die kunsthistorische Genealogie des grünen Wassers zieht sich konsistent von der Chicago-Tradition zum St. Patrick’s Day über Uriburus ökologische Pioniertat, seine Zusammenarbeit mit Beuys, Eliassons konzeptuelle Interventionen bis zu Extinction Rebellions Klimaprotesten – derselbe Farbstoff durch unterschiedliche Intentionen.

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