Wang Shu und Lu Wenyu kuratieren Architektur-Biennale 2027

Die Biennale di Venezia hat Wang Shu und Lu Wenyu zu Kuratoren der 20. Internationalen Architekturausstellung ernannt. Das chinesische Ehepaar leitet damit erstmals in der 45-jährigen Geschichte der Schau.

Biennale-Präsident Pietrangelo Buttafuoco verkündete die Personalie am 26. November, nur drei Tage nach Ende der diesjährigen Ausgabe unter Carlo Ratti. Die Ausstellung wird vom 8. Mai bis zum 21. November 2027 in den Giardini und im Arsenale zu sehen sein, wobei die Vorbesichtigung für den 6. und 7. Mai angesetzt ist. Ein Thema oder Motto haben die Kuratoren noch nicht bekanntgegeben.

In ihrem ersten Statement formulierten Wang Shu und Lu Wenyu eine deutliche Kritik am Zustand der zeitgenössischen Architektur, die sie als oberflächlich und überkommerzialisiert beschrieben. Die schnellen Veränderungen in der Branche seien vor allem ein Phänomen der Oberfläche, das Ergebnis übermäßiger Konzeptualisierung oder starker Kommerzialisierung, erklärten die beiden Architekten in der offiziellen Pressemitteilung. Dieser Weg werde zum Tod der Architektur führen. Dem wollen sie mit einer Rückbesinnung auf einfache und wahre Architektur begegnen.

Pritzker-Preisträger mit Fokus auf Handwerk und Materialität

Wang Shu, geboren 1963 in Ürümqi, erhielt 2012 als erster chinesischer Staatsbürger den Pritzker-Preis, die höchste Auszeichnung der Architekturwelt. Die Jury würdigte damals seine Fähigkeit, zeitlose und zugleich ortsbezogene Architektur zu schaffen. Gemeinsam mit seiner Frau Lu Wenyu gründete er 1997 in Hangzhou das Amateur Architecture Studio, dessen Name programmatisch zu verstehen ist: Wang Shu hat mehrfach erklärt, dass Amateur und Handwerker für ihn nahezu dasselbe bedeuten, als bewusster Gegensatz zur professionellen, seelenlosen Architektur.

Zu den bekanntesten Bauten des Studios zählt das Ningbo History Museum aus dem Jahr 2008, dessen Fassade aus über tausend Jahre alten recycelten Ziegeln in traditioneller Wapan-Technik besteht. Der Xiangshan Campus der China Academy of Art wurde 2021 von der New York Times zu den 25 bedeutendsten Bauten der Nachkriegszeit gewählt. Wang Shu selbst hat öffentlich erklärt, dass Lu Wenyu den Pritzker-Preis mit ihm hätte teilen sollen.

Lu Wenyu, geboren 1967, leitet neben ihrer Arbeit im Studio das Sustainable Construction Center der China Academy of Art und wurde 2024 zur Juryvorsitzenden des RIBA International Prize berufen. Mit dem Schelling-Architekturpreis 2010 und der Aufnahme in die Französische Akademie für Architektur 2023 verfügt sie über ein eigenständiges Profil jenseits des gemeinsamen Büros.

Kurswechsel nach techno-optimistischer Biennale

In der Fachwelt wird die Ernennung als bewusste Kurskorrektur nach Carlo Rattis technologiezentrierter Biennale 2025 gedeutet. Der Fokus auf Handwerk, lokale Materialien und Ortsbezug erinnert an Alejandro Aravenas Ausgabe von 2016, die ebenfalls stark in konkreten Kontexten verankerte Projekte präsentierte. Zugleich öffnet sich die Biennale mit der Berufung eines chinesischen Kuratorenduos wieder stärker nach Asien: Seit Kazuyo Sejima 2010 als erste Asiatin die Schau leitete, waren ausschließlich westliche Kuratoren zum Zug gekommen.

Wang Shu und Lu Wenyu haben bereits Biennale-Erfahrung: 2006 gestalteten sie den chinesischen Pavillon, 2010 erhielten sie für ihre Installation eine lobende Erwähnung der Jury. Buttafuoco beschrieb ihre Vision als unverzichtbare Stimme in der internationalen Debatte über die Bedeutung des Bewohnens.

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