
Prosaische Systematik von meisterhaftem Ausmaß
Die Biografien des Künstlerpaares Bernd und Hilla Becher (1931–2007/1934–2015) dürften hinlänglich bekannt sein, schließlich haben die beiden quasi im Alleingang eine neue, vom wissenschaftlichen Diskurs seinerzeit unbeeinflusste Bildsprache im Fotografischen entwickelt, die nicht zuletzt eine ganze Elite an Fotografen der sogenannten Becher-Schule, wie Candida Höfer, Andreas Gursky, Thomas Ruff oder Thomas Struth, hervorbrachte.
Unverkennbar sind die Schwarz-Weiß-Fotografien der Bechers, die nun in einer umfangreichen Werkschau mit seltenen Einzelarbeiten aus der frühen Schaffensphase – entstanden zwischen den 1950er- und 1970er-Jahren – und teils erstmals öffentlich gezeigten Arbeiten die Entwicklung ihres ästhetischen Kanons und deren Methodik beleuchtet.
Präsentiert werden gewiss die typologischen Übersichten von Industrie- und Produktionsstätten – etwa von Silos, Kohlebunkern, Hochöfen und Wassertürmen –, deren nüchterne Stringenz wie das konsequente, serielle Moment ihre Arbeiten der Konzeptkunst angehörig machen.
Die systematische Ordnung und Anordnung von Gebäuden in ihrer sachlichen Dokumentation über mitunter Jahrzehnte hinweg lassen einen enzyklopädischen Charakter erkennen. Ihr geschaffenes Archiv an dokumentarischen Aufnahmen ordnet gezielt zentrale Bauformen, deren funktionale Zusammenhänge und räumliche Kontexte.
Haben die Bauten stets Gemeinsamkeiten in der Funktion, wie das typische Balkenwerk in der Serie der Fachwerkhäuser, so unterscheiden sie sich doch im Detail. Trotz aller Ähnlichkeit gleicht daher kein Kühlturm dem anderen, und so werden ihre Bildfolgen auch als „Anonyme Skulpturen“ verstanden, deren gleichnamige Publikation aus dem Jahr 1970 zu Recht als Grundstein und immanenter Formenkatalog des Bechers gelten darf. Der Bedeutung dieser Publikation widmet man sich auch in der Ausstellung (Raum 2), die anhand der Gegenüberstellung von Textauszügen zur Funktionalität der Objekte und Originalabzügen die Methodik des Bechers nachspürbar macht.
Auch eine Video-Arbeit von Max Becher lässt in die Prozesse des Künstlerpaares blicken. Max Becher, der heute das Bernd & Hilla Becher Studio in Düsseldorf leitet, begleitete 1987 seine Eltern auf eine Reise nach Ohio, USA und hielt ihre gemeinsame Arbeitsweise filmisch fest.
Die sogenannten „Abwicklungen“ sind ebenfalls Teil der Ausstellung. Anhand verschiedener Motivgruppen wird auch hier ein klares Muster deutlich: ein schlichtes architektonisches Bauwerk, absolut isoliert und eingebettet in monochrome Stille, vier Mal fotografiert aus vier verschiedenen Perspektiven.
Im Becher’schen Kosmos wird jedes noch so unscheinbare Gebäude in seiner Simplizität gezeigt und auf diesem Wege – trotz aller konzeptuellen Sachlichkeit – vielleicht doch an der Seele der Objekte gekratzt, offenbart, was sie wirklich sind und warum sie sich wider alle identische Zweckmäßigkeit dann doch in der Form unterscheiden. Welch einzigartig visuelle Grammatik die Bechers durch die Relation von dokumentarischer und konzeptioneller Fotografie erschaffen haben, zeigt die „Geschichte einer Methode“ auf eindrückliche wie kohärente Weise.
Dr. Denise Susnja hat über künstlerische Polaroid-Fotografie promoviert und lebt in NRW.
Bernd & Hilla Becher. Geschichte einer Methode
25.09. – 1.2.2026
Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur
Im Mediapark 7
D-50670 Köln
Tel.: +49-221-88895300
Mo, Di + Do – So 14 – 19 Uhr
Eintritt 7,50 €, erm. 4,50 €
www.photographie-sk-kultur.de
Text: Dr. Denise Susnja
Bild: Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur
Erstveröffentlichung in kunst:art 106









