
Trost der Meerjungfrauen
Immer wieder stellt sich die Frage, wenn man schöne und anmutige Bilder sieht und sie gegen jene stellt, die die Zerrissenheit der Welt und ihre Abgründe zeigen, was die eigentliche Rolle der Kunst ist: Stoff für eine unendliche Disputatio, in der es immer nur ungenügende Antworten gibt. Dennoch ist man erstaunt, wenn man aus dem Munde eines Künstlers eine solche Antwort hört: „Ich möchte trösten, eher das Schöne zeigen als das Dunkle. Und für mich sind die Frauen immer noch der Unterstützung würdig, darum male ich sie.“ Eine erstaunliche Erkenntnis einer Frau, die – laut offizieller Propaganda der damaligen SED – in der besten aller Welten geboren wurde und dies auch in der Weltstadt der Kunst – Leipzig – zur offiziellen Doktrin erhob.
Es wäre müßig, die unzähligen Gegenbeispiele aufzuführen. Dennoch ist es bemerkenswert, dass mit Sonne im Sinn (so der Titel der Ausstellung von Rosa Loy) eine fast heilige Welt der Mythen und Träume beschworen werden kann, in der tatsächlich die Schönheit eine zentrale Rolle spielt. Und auch aus einem berufenen Mund durfte sie dafür Lob erfahren: „Rosa hat eine Bilderwelt entstehen lassen, in der die Eigentümlichkeit mit großer Selbstverständlichkeit auftritt. Mit Rosas Bildern ist es, als würde man vor einer Pflanze stehen, die einen verzaubert durch die Eigentümlichkeit und die Selbstverständlichkeit ihrer Existenz …“, so die Ansicht eines der wichtigsten Repräsentanten der Leipziger Schule (und Rosa Loys Ehemann) Neo Rauch.
Er beruft sich auf eine Ästhetik, die der Schönheit die Priorität über alle anderen ästhetischen Prämissen einräumt. So sind auch Loys Figuren eine imaginäre Spiegelung des eigenen (psychischen) Ichs – so etwa in ihrer „Fängerin“ 2015, wo nicht klar ist, ob es Luftballons oder Wolken sind, die die Protagonistin abfängt … Solche Bilder leben von einer spezifischen Mehrdeutigkeit, die auch Neo Rauchs Bilderwelt nicht fremd sind.
Interessanterweise gehören zu Loys Werk, das neben Gemälden auch Zeichnungen, Collagen, Objekte und Grafiken umfasst, auch Arbeiten, die selten in der Kunstwelt zu sehen sind: etwa Bilder der Frauen, die sich pflegen oder von anderen gepflegt werden, sie kümmern sich um dies und jenes im weiblichen Universum, oder es sind Frauen in bunten Kostümen, die man auch bei der Gartenarbeit sehen kann. Ein Universum der Theaterschauspielerinnen? Dem widersprechen scheinbar Bilder, die auf Ereignisse im eigenen Garten anspielen.
Rosa Loys Werk zeigt, was einst der russische Formalismus unter Federführung von Roman Jakobson unter dem Begriff der „poetischen Funktion“ definiert hatte: Es handelt sich um die Eigenschaft der Sprache, „selbstreflexiv auf ihre formale Eigenschaft zu verweisen“, die später dazu führte, auf ähnlicher Basis auch die ästhetische Funktion zu definieren. In den Arbeiten von Rosa Loy spielt diese ästhetische Funktion eine zentrale Rolle. Sie entführt den Betrachter in eine märchenhafte Zauberwelt.
Dr. Milan Chlumsky ist freier Kurator, Kunstkritiker, Fotohistoriker.
Rosa Loy. Sonne im Sinn
21.9. – 30.11.2025
Kunsthalle Rostock
Hamburger Str. 40
D-18069 Rostock
Tel.: +49-381-44040515
Di – So 11 – 18 Uhr
www.kunsthallerostock.de
Text: Dr. Milan Chlumsky
Bild: Kunsthalle Rostock
Erstveröffentlichung in kunst:art 106







