Der britische Dokumentarfotograf Martin Parr ist am 6. Dezember in Bristol gestorben. Mit satirischem Blick dokumentierte er fünf Jahrzehnte lang britische Alltagskultur und Konsumgesellschaft.
Die Martin Parr Foundation und Magnum Photos bestätigten am Sonntag gemeinsam den Tod des 73-jährigen Fotografen, der seit Mai 2021 an einem Myelom litt und zu Hause beim Fußballschauen friedlich verstorben war, wie ein enger Freund mitteilte. Hinterblieben sind seine Ehefrau Susie, Tochter Ellen, Schwester Vivien und Enkel George.
Parr, 1952 in Epsom geboren und seit 1987 in Bristol ansässig, hatte die britische Dokumentarfotografie durch seinen Wechsel von Schwarzweiß zur Farbfotografie Anfang der 1980er-Jahre revolutioniert. Seine mit Makroobjektiv und Ringblitz aufgenommenen, hochgesättigten Bilder von Seebädern, Supermärkten und Touristenorten schufen einen bis dahin ungewöhnlichen, oft als voyeuristisch kritisierten Blick auf die Freizeitkultur der Arbeiterklasse. Der Durchbruch gelang ihm 1986 mit der Serie „The Last Resort“, die Urlauber im verfallenden Seebad New Brighton bei Liverpool zeigte und in der Londoner Serpentine Gallery ausgestellt wurde.
Von 1982 an entwickelte Parr, inspiriert von amerikanischen Farbfotografen wie William Eggleston und den kitschigen Postkarten des Unternehmens John Hinde, eine Bildsprache, die zwischen Empathie und Distanz changierte. Seine Arbeiten dokumentierten das Banale mit anthropologischer Präzision, wobei er die Absurditäten des Massenkonsums ebenso festhielt wie die unbewussten Rituale der Mittelklasse. Während Kritiker ihm vorwarfen, seine Motive zu verhöhnen, verteidigte Parr seine Methode: „Ich mache ernsthafte Fotografien, die als Unterhaltung getarnt sind.“
Kontroverse Aufnahme bei Magnum Photos
Seine Aufnahme bei Magnum Photos 1994 erfolgte nach kontroverser Abstimmung mit nur einer Stimme Mehrheit, da etablierte Mitglieder wie Henri Cartier-Bresson seinen Stil ablehnten. Cartier-Bresson bezeichnete ihn als „Alien von einem anderen Sonnensystem“. Dennoch amtierte Parr von 2014 bis 2017 als Präsident von Magnum Photos International. Zu seinen weiteren bedeutenden Serien zählen „Small World“ über den globalen Massentourismus, „Common Sense“ als Kritik am Konsumismus und „Think of England“ über englische Identität.
In über 60 Fotobüchern dokumentierte Parr ein halbes Jahrhundert visueller Kultur, darunter das dreibändige Standardwerk „The Photobook: A History“, das er gemeinsam mit Gerry Badger verfasste. Seine Sammlung von 12.000 Fotobüchern schenkte er 2017 der Tate, die damit über eine der weltweit bedeutendsten Fotobuch-Sammlungen verfügt. Die 2014 gegründete Martin Parr Foundation in Bristol beherbergt sein gesamtes fotografisches Archiv und wird laut Statement gemeinsam mit Magnum Photos sein Vermächtnis verwalten.
Internationale Würdigungen
Die National Portrait Gallery London würdigte Parr als „außergewöhnlichen Fotografen des britischen Lebens“, während der Fotograf Joel Meyerowitz, mit dem Parr fünf Jahrzehnte lang befreundet war, von einer „Legende der Fotografie“ sprach, deren „visueller Humor“ schmerzlich fehlen werde. Der Künstler Grayson Perry bezeichnete ihn als „riesige Inspiration“ mit einem „messerscharfen Blick für die materielle Kultur unserer Zeit“.
Parrs Arbeiten befinden sich in den Sammlungen der Tate Gallery, des Museum of Modern Art in New York, des Centre Pompidou und des J. Paul Getty Museums. Die für Januar 2026 im Pariser Jeu de Paume geplante Retrospektive „Global Warming“ wird nun zur posthumen Würdigung eines Fotografen, der die visuelle Sprache seiner Epoche mitgeprägt hat.

