Der Münchner Galerist Franz Dahlem ist im Alter von 87 Jahren gestorben. Mit ihm verliert die deutsche Kunstwelt eine Schlüsselfigur der Nachkriegszeit.
Dahlem, der Anfang Januar in seinem Wohnort Altenmarkt an der Alz im Chiemgau verstarb, hatte in den 1960er Jahren gemeinsam mit Heiner Friedrich eine Galerie gegründet, die Künstlern wie Gerhard Richter, Georg Baselitz, Cy Twombly und Blinky Palermo zu ihren ersten großen Ausstellungen in der Bundesrepublik verhalf. KUNSTFORUM International würdigte ihn als jemanden, der sich „unermüdlich für Künstler einsetzte, ohne auf den persönlichen Profit zu achten“.
Geboren 1938 in München, erlebte Dahlem eine von Kriegstraumata geprägte Kindheit. Seine Mutter wurde während eines Bombenangriffs verschüttet, sein Vater lag im Lazarett, und so wuchs er teils im Waisenhaus auf, wo man ihm den Spitznamen „Arcangelo“ gab. Sein Weg zur Kunst führte über Umwege: Nach einer Ausbildung zum Bierbrauer im Kloster Schäftlarn und einer Buchhändlerlehre brachte ihn 1961 die Begegnung mit dem Maler Uwe Lausen in Berlin dazu, dessen Ausstellung in der Galerie Springer zu organisieren.
Die Galerie in der Maximilianstraße
Am 23. Juli 1963 eröffnete Dahlem gemeinsam mit dem Industriellensohn Heiner Friedrich und dessen Frau Six die „Galerie Friedrich & Dahlem“ in einer 160 Quadratmeter großen Altbauwohnung in der Münchner Maximilianstraße, wobei die Monatsmiete 500 D-Mark betrug und ein Kredit von 5.000 D-Mark als Startkapital diente. Was als bescheidener Anfang begann, sollte die deutsche Kunstlandschaft nachhaltig verändern, zumal die Galerie innerhalb weniger Jahre ein Programm aufbaute, das internationale Avantgarde mit jungen deutschen Positionen verband.
Im Juni 1964 zeigte die Galerie Gerhard Richters erste Einzelausstellung in der Bundesrepublik und band den Künstler mit einem Zweijahresvertrag exklusiv an sich. Ein Jahr zuvor hatte bereits Cy Twombly seine erste große deutsche Einzelausstellung in den Räumen erhalten, und 1966 folgte Blinky Palermos Debüt. Die Liste der Künstler, die Dahlem früh förderte, liest sich wie ein Kanon der Nachkriegsmoderne: neben den Genannten auch Joseph Beuys, Robert Rauschenberg, Donald Judd und Dan Flavin.
Bruch und Neuanfang in Darmstadt
Der Bruch kam 1967, als Unstimmigkeiten über die Gesellschafterstruktur zum Ende der Partnerschaft führten. Dahlem verließ München und eröffnete ein eigenes Ausstellungshaus in Darmstadt, wo er unter anderem Joseph Beuys‘ legendäre Installation „Fettraum“ präsentierte. Wichtiger noch wurde seine Rolle als Berater des Wella-Erben Karl Ströher, für den er zwei Ankäufe vermittelte, die heute als Meilensteine gelten: die Pop-Art-Sammlung des New Yorkers Leon Kraushar sowie den sogenannten „Block Beuys“, der heute zum Kernbestand des Hessischen Landesmuseums Darmstadt gehört.
Die enge Verbindung zu Georg Baselitz manifestiert sich auf besondere Weise im Metropolitan Museum of Art in New York, wo ein Portrait Dahlems aus dem Jahr 1969 hängt. Das Gemälde „Da. Portrait (Franz Dahlem)“ gehört zu Baselitz‘ berühmter „Freunde“-Serie und zählt zu den ersten Werken, in denen der Künstler seine charakteristische Inversions-Technik entwickelte. Sotheby’s beschrieb Dahlem einmal als „nicht nur einen engen Freund des Künstlers, sondern auch einen seiner ergebensten Unterstützer“.
Anfang der 1980er Jahre übernahm Dahlem die Leitung der deutschen Dependance der Dia Art Foundation in Köln, bevor er sich aus dem aktiven Galeriegeschäft zurückzog. 2022 erschienen seine Erinnerungen unter dem Titel „Am liebsten würde ich Marilyn Monroe sein“ im Verlag Schirmer/Mosel, herausgegeben von Verleger Lothar Schirmer, der selbst seit den Münchner Galeriejahren mit Dahlem verbunden war. Das Buch, entstanden aus Gesprächen mit der Kunsthistorikerin Franziska Leuthäußer, dokumentiert ein Leben, das die Kunst stets über den kommerziellen Erfolg stellte.


